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AssCompact 02/2019

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ASSEKURANZ © Hurca! – Fotolia.com Vorsorge: DIN 77230 schließt Beratungslücke bei Firmenlenkern Im sicherheitsorientierten Deutschland zeigen die Verbraucher einem digitalen „Herrn Kaiser“ die kalte Schulter: Mehr als 80% wollen sich auch künftig lieber persönlich beraten lassen. Eine einheitliche Beratungsnorm für Privathaushalte soll seit Jahresbeginn 2019 zusätzlich Vertrauen schaffen. Erstmals adressiert die DIN 77230 dabei auch ein existenzielles Risiko für Kunden, die an der Spitze eines Unternehmens stehen. Herzstück der neuen Norm DIN 77230 ist ein Fragen - katalog, der 42 Finanzthemen aus den Bereichen Absicherung, Vorsorge und Vermögensplanung umfasst. Die Kundenantworten ergeben ein detailliertes Bild darüber, in welchen Lebensbereichen finanzielle Lücken bestehen. Die „Basis-Finanzanalyse“ legt in drei Bedarfsstufen offen, wofür und mit welcher Priorität Vermittler passende Produkte empfehlen sollten. An oberster Stelle steht für jeden Kunden die Absicherung des finanziellen Grundbedarfs, danach folgen der Erhalt und schließlich die Verbesserung des individuellen Lebensstandards. Existenzbedrohende Risiken erkennen Bei den Beratern stößt die DIN 77230 auf ein geteiltes Echo. Einerseits begrüßen die Vermittler, dass Kunden unabhängig vom Berater objektiv auf Versorgungslücken hingewiesen werden. Andererseits würden bestehende Gesetze und Verordnungen dafür ausreichen. Die Kritiker übersehen jedoch, dass die gewünschte Standardisierung in der Finanzberatung zu einer Beratung von Organmitgliedern führen muss. So fragt die „Basis-Finanzanalyse“ danach, ob Kunden als Geschäftsführer, Vorstand oder Aufsichtsrat eine sogenannte Organstellung in einem Unternehmen ausfüllen. Vermittler sollten sich deshalb darauf vorbereiten, damit verbundene Risiken zu erkennen. Topentscheider haften in Deutschland bereits bei einfacher Fahrlässigkeit mit dem gesamten Privatvermögen. Das betrifft vor allem angestellte Geschäftsführer (§ 43 GmbHG) sowie Vorstände (§ 93 AktG) sowohl von Unternehmen wie auch von Stiftungen und Genossenschaften. In allen Fällen verlangt der Gesetzgeber von Managern die „Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters“. Anderenfalls müssen Verantwortliche in die eigene Tasche greifen, um dem Unternehmen entstandene Vermögensschäden zu ersetzen. Nicht selten handelt es sich dabei um Millionenforderungen, die im schlimmsten Fall zur Privatinsolvenz führen können und damit die in der DIN-Analyse aufgeführten finanziellen Grundbedürfnisse existenziell bedrohen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Beweislast zulasten betroffener Manager umkehrt, wenn das Unternehmen ihnen eine Pflichtverletzung vorwirft. Im Streitfall trifft Geschäftsführer, Vorstände und Aufsichtsräte die Beweispflicht, dass sie sich nichts vorwerfen lassen müssen. Das Problem: Mehr als 70% der Geschäftsführer in Deutschland glauben an das Gegenteil. Zudem wissen viele nicht, dass sich die begrenzte Haftung beispielsweise einer GmbH tatsächlich nur auf die Gesellschaft selbst bezieht. Ansprüche gegen die Geschäftsleitung kann das Unternehmen in unbegrenzter Höhe durchsetzen, sofern betroffene Manager die Vorwürfe nicht entkräften können. Das gilt auch für Verfehlungen von Kollegen, da das Topmanagement gesamtschuldnerisch haftet. Versicherungsschutz wasserdicht gestalten Gegen diese Bedrohungen richtet sich keine der am häufigsten empfohlenen – wenngleich ebenso wichtigen – Versicherungen. Privathaftpflichtpolicen bei- 28 Februar 2019

spielsweise beschränken sich allein auf privat verschuldete Malheurs, die zu einem finanziellen Nachteil einer anderen Person führen. Berufliche Haftungsrisiken sind dabei aber ebenso ausgeschlossen wie Auseinandersetzungen, die sich aus Anstellungsverträgen ergeben. Beim bewährten Tandem aus Privathaftpflicht und privater Rechtsschutz klafft eine offene Flanke für Risiken aus der Organhaftung. Diese Gefahr lässt sich auch mit einer klassischen D&O-Versicherung für Unternehmen (Directors & Officers Liabilities Insurance) nicht komplett beherrschen. Bei einer vom Arbeitgeber abgeschlossenen D&O-Police handelt es sich um eine Versicherung für fremde Rechnung. Versicherungsnehmerin und damit auch Beitragsschuldnerin gegenüber dem D&O-Anbieter ist das Unternehmen. Insbesondere bei verzweigten Organisationsstrukturen haben einzelne Manager kaum Einflussmöglichkeiten auf die konkrete Vertragsgestaltung. Zudem müssen sie sich die Versicherungsleistungen mit dem gesamten versicherten Personenkreis teilen. Ist die Deckungssumme wegen eines Schadens bereits aufgebraucht, bleiben die Entscheider trotz Versicherung möglicherweise auf den finanziellen Konsequenzen sitzen. In der Vergangenheit hat der Vermittlermarkt die Dringlichkeit insbesondere einer persönlichen Deckung in diesem Bereich verkannt. Ein Grund: Vielfach verorten Versicherungsvermittler die D&O-Thematik im Verantwortungsbereich von Unternehmen und damit in der gewerblichen Beratung – ein Umfeld, in der die Bedürfnisse natürlicher Personen häufig zu kurz kommen, weil das Mandat sie nicht miteinschließt. Die DIN 77230 setzt jetzt einen verbindlichen Standard für die Beratung von Privatpersonen und leuchtet durch eine vereinheitlichte Analyse das Dunkelfeld der mit einer beruflich stark exponierten Tätigkeit verbundenen Risiken aus. Umfrage zur Marktdurchdringung von D&O-Versicherungen 32% 68% Ja (n = 137) Nein (n = 63) 48% 31% 19% Persönliche D&O-Versicherung empfehlen Unternehmens- D&O-Versicherung Beides Persönliche D&O-Versicherung Weiß nicht Befragt wurden 200 Geschäftsführer aus nichtinhabergeführten Unternehmen in den Branchen Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen und Handel mit einer Bilanzsumme von 50 Mio. Euro oder mehr. Das Ergebnis: Zwei von drei Geschäftsführern verfügen über keine persönliche D&O-Versicherung. Quelle: VOV GmbH, 2017 Eine persönliche D&O-Versicherung gilt vor diesem Hintergrund als optimale Lösung, damit Kunden bei unberechtigten Ansprüchen aktiven Rechtsschutz genießen und bei berechtigten Ansprüchen keine existenzbedrohend hohen Schadenersatzforderungen fürchten müssen. Eine eigene Deckungssumme sowie hundertprozentige Vertragskontrolle bei einem beruflichen Neustart oder im Ruhestand sprechen ebenfalls für eine persönliche D&O-Versicherung. Das liegt nicht zuletzt an den Verjährungsfristen von fünf und zehn Jahren, in denen ein Unternehmen auch nach Ende der Beschäftigung Ansprüche geltend machen kann. All das ist gerade auch für Vermittler relevant, die weiterhin bereits bewährten Beratungsstandards folgen wollen. Zwar stellt die DIN 77230 keine verbindliche Rechtsnorm dar, sondern eine technische Regelung mit Empfehlungscharakter (vgl. BGH-Urteil VII ZR 184/97). Wer sich aber an der vorstrukturierten Finanzanalyse orientiert, kann den „Beweis des ersten Anscheins“ führen, falls eines Tages der Vorwurf einer nicht fachkundigen Beratung im Raum steht. Darüber hinaus bietet die persönliche D&O-Versicherung auch vertrieblich Chancen: Zwei von drei Geschäftsführern haben noch keine. W Von Jörg Reiner, Geschäftsführer des Assekuradeurs ConceptIF, und Lars Sapara, Underwriter beim D&O-Spezialanbieter VOV Februar 2019 29

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