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AssCompact 02/2020

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FINANZEN „Für

FINANZEN „Für Vermittler kann das ein sehr spannender Markt sein“ Interview mit Prof. Dr. Dirk Schiereck, Leiter des Fachgebiets Unternehmensfinanzierung an der Technischen Universität Darmstadt Unternehmen, vor allem aus dem Mittelstand, klagen zunehmend über Probleme bei der klassischen Finanzierung über die Hausbank. Darunter leiden laut Prof. Dr. Schiereck vor allem Unternehmen mit mittleren und unterdurchschnittlichen Bonitäten. Der Wandel sei aber nicht nur problematisch, sondern biete auch Chancen – zum Beispiel für Vermittler. Herr Prof. Dr. Schiereck, in letzter Zeit ist immer häufiger die Rede davon, dass sich Banken vermehrt aus der Unternehmens- und speziell aus der Mittelstandsfinanzierung zurückziehen. Ist das tatsächlich so? „Gerade Leasing dürfte in den kommenden Jahren einer der ganz großen Gewinner sein. Auch Crowd- Plattformen dürften zu den Gewinnern zählen.“ Das kommt darauf an. Der Mittelstand, dem es wirklich gut geht und der eine einwandfreie Bonität hat, der hat auch nach wie vor keine Probleme, eine gute Finanzierung in Form des klassischen Kredits bei der Hausbank zu bekommen. Sobald die Bonitäten ein bisschen schlechter sind und sobald die Unternehmen jünger sind und eine kürzere Kredithistorie haben, umso mehr gibt es aber in der Tat zunehmend Schwierigkeiten in der Mittelstandsfinanzierung. Das sind typischerweise Unternehmen, die man in den Ratingklassen mit der Note BB bezeichnet. Die haben schon zunehmend Schwierigkeiten, an Geld zu kommen. Welche alternativen Finanzierungsformen gewinnen in diesem Umfeld an Bedeutung? Vor allem Formen, die der Kunde schon lange kennt. Das sind in erster Linie Factoring und Leasing. Gerade Leasing dürfte in den kommenden Jahren einer der ganz großen Gewinner sein. Auch Crowd-Plattformen dürften zu den Gewinnern zählen. Allerdings nicht in der Form, dass sie in Beträgen von 50 Euro das Geld einsammeln, sondern im institutionellen Bereich von 100.000 Euro bis 5 Mio. Euro. Der klassische Kredit wird dadurch aber nicht komplett ersetzt, sondern nur ergänzt werden. Das ist auch durchaus zu begrüßen, wenn Unternehmen ihre Finanzierung breiter aufstellen. Spannend wird dann sein, wie sich solche Finanzierungen mit unterdurchschnittlichen Risiken entwickeln, wenn es konjunkturell mal wieder knirscht. Bisher kommen sie ja in der Regel noch gut durch. Das kann sich dann natürlich ändern – wenngleich institutionelle Investoren damit umgehen können. Sie wissen in der Regel, dass sie einen Kupon von 5, 6 oder auch 8% im aktuellen Umfeld nicht ohne Risiko bekommen. Inwieweit verändert das große Trendthema Digitalisierung die Rahmenbedingungen der Unternehmensfinanzierung? Wir beobachten, dass die Unternehmensbilanzen über einen langen Zeitraum immer mehr an physischen Vermögensgegenständen verlieren. Immer mehr Güter werden geleast. Die Forderungen werden per Factoring herausgegeben und die Firmen sitzen nicht in der eigenen Immobilie, sondern in einer angemieteten. Womöglich ist auch die gesamte EDV nur geleast. Das macht es der Bank natürlich schwerer, auf das zurückzugreifen, was man im klassischen Kreditgeschäft harte Sicherheiten nennt. Dieser Trend ist allgemein zu beobachten. Zusätzlich haben auch viele Produkte, die die Unternehmen vertreiben, eine erhebliche digitale Komponente. Das, was im Lager eines Unternehmens zu finden ist, ist daher oft nicht mehr das, was das Unternehmen besonders werthaltig macht. Banken müssen sich vermehrt überlegen, wie sie mit immateriellen Vermögensgegenständen umgehen. Sie rüsten diesbezüglich schon kräftig nach. Die Frage ist eher, ob auch der Mittelstand selbst erkannt hat, welche Folgen die zunehmende Digitalisierung für das eigene Geschäft und dessen Finanzierung mit sich bringt. Alle Unternehmer erzählen zwar, dass man dringend in die Digitalisierung investieren muss. Was sich hinter „in die Digitalisierung investieren“ aber genau verbirgt, darüber gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. Inwieweit spielt für die Banken auch die zunehmende Regulatorik eine Rolle beim Wandel in der Unter - nehmensfinanzierung? Die Regulatorik spielt insbesondere aus zwei Gesichtspunkten eine wichtige 70 Februar 2020

Rolle. Beim Thema Eigenkapitalunter - legung ist festzustellen, dass die angesprochenen schlechteren Risikoklassen rund um Rankings der Note B oder schlechter erheblich mit Eigenkapital hinterlegt werden müssen. Der andere Punkt sind die Schwierigkeiten im Umgang mit immateriellen Gütern als Kreditsicherheiten. Hier hat die Aufsicht noch keinerlei Erfahrung mit der Werthaltigkeit und den Bewertungskom - petenzen der Banken – auch was die Werthaltigkeit im Zeitablauf angeht. Dementsprechend sind viele Kredite in diesem Bereich als sehr riskant eingestuft und entsprechend stark kontrolliert. Können neue Anbieter wie digitale Kreditmarktplätze damit besser umgehen? Der digitale Kreditmarktplatz muss zunächst genau wie eine Bank die Bonität des Kreditnehmers beurteilen. Er lebt davon, dass er das genauso gut oder sogar besser kann als die Bank. Sonst wird er keine Investoren finden, die bereit sind, solche Kredite zu finanzieren. Jemand, der selbst digital aufgestellt ist, dürfte aus den Erfahrungen im eigenen Haus heraus aber aufgeschlossener gegenüber den digitalen Aspekten von Geschäftsmodellen sein und diese besser verstehen und bewerten können. Zudem sind sie eher bereit, Geld in riskanteren Investitionen zu platzieren. Wie gefährlich sind diese Marktplätze für Banken, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten schon den ein oder anderen Geschäftsbereich fast komplett an neue Herausforderer verloren haben? Wenn man sich den gesamten Bereich der deutschen Kreditmarktplätze anschaut, reden wir von einer kleineren bis mittleren Volksbank. Das klingt noch nicht nach dem Riesen, vor dem jeder Angst haben wird. Ich glaube nicht, dass wir im Kreditgeschäft irgendwann keine Banken, sondern nur noch Kreditplattformen sehen werden, sondern gehe er von einer Segmentierung des Marktes aus. Mittlere bis unterdurchschnittliche Kreditrisiken dürften vermehrt an Kreditmarktplätze gehen und Banken dürften sich stärker auf gute Risiken konzentrieren. Welchen Chancen bieten diese Entwicklungen für Vermittler? Unabhängige Vermittler sollten sich überlegen inwieweit sie daraus eigene Investmentmodelle entwickeln können oder entwickeln lassen können, um vermögenden Privatkunden die Möglichkeit zu geben, auch in solche Kreditmärkte zu investieren – so wie es zum Beispiel auch schon einige größere Versicherer getan haben. Aegon hat etwa 150 Mio. Euro in auxmoney investiert und creditshelf hat gerade ein größeres Portfolio für BNP Paribas eröffnet. Prof. Dr. Dirk Schiereck Fondslösungen, die in solche Marktplätze investieren, können ein spannendes Produkt sein. Denn machen wir uns nichts vor. Wo kann man sonst mit festverzinsten Produkten noch halbwegs ordentliche Renditen erzielen? Potenzial für solche Produkte ist noch reichlich vorhanden. 40% der Mittelständler dürften von der Existenz solcher Plattformen noch nie etwas gehört haben. Für Vermittler kann das ein sehr spannender Markt sein, denn sie genießen durch die langjährige Beratung – zum Beispiel im Bereich der Gewerbeversicherung – bei den Unternehmen oft ein hohes Maß an Vertrauen. Wichtig ist aber, dass es gelingt, Provisions- und Erlösmodelle aus der Zuführung von Unternehmen an die Plattformen zu etablieren. Gibt es von Kreditplattformen bereits Tippgebermodelle oder Ähnliches? Bisher werden sie zumindest nicht großartig nach außen kommuniziert. Es haben aber vermutlich auch noch nicht viele Vermittler auf diese Märkte geschaut. Sie haben bisher eher Tippgebermodelle mit einzelnen lokalen Banken abgeschlossen als mit Kreditplattformen. Dabei haben gerade Vermittler im Gewerbeversicherungsbereich einen Zugang zu einer „Gerade Vermittler im Gewerbeversicherungs - bereich haben Zugang zu einer sehr spannenden Klientel. Der Mittelständler, der im Schadenbereich viele Risiken abzusichern hat, hat nicht selten auch einige Finanzierungsprobleme.“ sehr spannenden Klientel. Der Mittelständler, der im Schadenbereich viele Risiken abzusichern hat, hat nicht selten auch einige Finanzierungsprobleme. Diese Mittelständler passen zudem sehr gut zu den Kreditplattformen, weil sie eher bereit sind, unterdurchschnittliche Bonitäten in Kauf zu nehmen. Eine Zusammenarbeit mit Kreditplattformen ist somit für unabhängige Berater grundsätzlich sehr interessant. W Februar 2020 71

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