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AssCompact 07/2019

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BAUFINANZIERUNG, KREDITE

BAUFINANZIERUNG, KREDITE „Es gibt aktuell keinen Grund, warum eine Zinswende eingeläutet werden sollte“ Interview mit Kurt Neuwirth, Geschäftsführer der Neuwirth Finance GmbH Die historisch niedrigen Zinsen waren in den vergangenen Jahren der große Treiber für Finanzierungen. Ein mögliches Ende der Niedrigzinsen sorgt bei Finanzierungsvermittlern für Unruhe. Völlig zu Unrecht, meint Kurt Neuwirth. Zum einen sieht er keinen Anlass für eine Zinswende. Zum anderen gebe es auch für einen solchen Fall passende Lösungen. Herr Neuwirth, die EZB will den Leitzins bis mindestens 2020 auf 0,0% belassen. Zumindest bis dahin dürfte sich zinstechnisch wenig ändern. Wie wahrscheinlich ist danach eine Zinswende? Laut unseren Indikatoren wird es sicher noch länger dauern. Wir haben ein paar positive Signale wie etwa die Arbeitslosenquote im Euroraum, die von weit über 12% auf um die 7,6% gesunken ist. Auch die Geldmenge M3 als wirtschaftlicher Frühindikator geht wieder nach oben. Es werden mehr Kredite vergeben und mehr Investitionen getätigt. Es ist aber noch zu wenig, um der Notenbank einen Grund zu geben, die Wirtschaft zu bremsen. Das wollen viele Analysten und Chefvolkswirte nicht verstehen, wenn sie von einer kommenden Zinswende sprechen. Inwiefern? Zinswenden gibt es nur, wenn der Preis des Geldes steigen muss, weil die Wirtschaft zu stark wächst. Wer jetzt an das Märchen glaubt, dass wir eine Wirtschaft haben, die so stark ist, dass wir sie bremsen müssen, liegt komplett daneben. Es gibt aktuell keinen Grund, warum eine Notenbank eine Zinswende einläuten sollte, vor allem nicht im Euroraum. Und deshalb wird es noch lange dauern, bis eine echte Zinswende kommt. Deutschland hat den Effekt des Eurolandgewinners neun Jahre lang in Form eines Immobilien- und Finanzierungsbooms und eines starken Exports auskosten dürfen. Das wird es in dieser Form nicht mehr geben. Wir passen uns eher dem Euroraum an – und dort gibt es wie gesagt keinerlei Signale dafür, dass die Wirtschaft gebremst werden muss. Und in den USA? In den USA ziehen dunkle Wolken am Anleihemarkt auf. Dort gibt es annähernd 10 Bio. Dollar Schulden in Form von Unternehmensanleihen. Diese Anleihen dienten in erster Linie dazu, eigene Aktien zurückzukaufen. Aktienrückkäufe hören sich gut an. Jeder Aktionär liebt dieses Wort. Wenn das Ganze aber auf Pump passiert, ist es nichts anderes als Spekulieren mit Schulden. Das kann extrem nach hinten losgehen – und das wird es auch. Die Blase der US-Unternehmensanleihen ist vom Volumen viel größer als die Subprimekrise und wird irgendwann platzen. Sie haben jüngst auch den demografischen Wandel als einen Grund für die Zinsbremse bezeichnet. Warum? Der demografische Wandel ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern ein sehr langfristiger Prozess. Durch die schwächeren Geburtenraten bekommen wir anteilig immer mehr ältere Menschen. Wenn weniger Menschen erwerbstätig sind und gut verdienen und konsumieren, wird die Wirtschaft eher schwächer bleiben. Wird das nicht durch die Zuwanderung geändert? Die sehr starke Zuwanderung hat sicherlich einen positiven Effekt auf die Wirtschaft. Die Zugewanderten werden längerfristig im Berufsleben landen. Allerdings werden es eher nicht die gut verdienenden Menschen sein. Insgesamt führt der demografische Wandel in der aktuellen Lage daher immer noch eher dazu, dass wir zu wenig junge Menschen haben, die Kredite aufnehmen, neue Firmen gründen oder anderweitig die Wirtschaft und damit die Zinsen antreiben. Insgesamt ist der demografische Wandel aber nur ein kleiner Teil der zinsbestimmenden Faktoren. Was spielt noch eine Rolle? Daneben fehlt es unter anderem auch an einer Kreditvergabe im unternehmerischen Bereich. Die Banken haben sich aus dem Kerngeschäft der Kreditvergabe leider vor 20 Jahren weitestgehend verabschiedet. Dadurch finden Mittelständler gerade auf dem Land kaum noch ordentliche Finanzierungen. Das führt zu weniger Neugründungen und Investitionen. Leider haben die Banken 54 Juli 2019

sich diesbezüglich von den großen Unternehmensberatungen falsch beraten lassen und ihr solides Kerngeschäft mit Krediten und Immobilien reihenweise gegen Investmentbanking getauscht. Als Ergebnis haben sie heute deutlich mehr zyklisches Provisionsgeschäft als früher. Kunden sind da im Allgemeinen deutlich zurückhaltender. Angesichts der historisch niedrigen Zinsen entscheiden sich deutsche Bauherren und Immobilienkäufer sogar für immer längere Zinsbindungen. Ein nachvollziehbares Verhalten? Zehnjährige Bindungen gab es zuletzt wieder unter 1%. Das führt natürlich zu einer verstärkten Nachfrage nach langen Zinsbindungen. Das kann richtig sein, wenn ein Eigennutzer nach der Zeit der Fixbindung den Kredit fertig abbezahlt hat. Bei Tilgungsraten von 6 oder 7% ist eine Volltilgung in zehn oder zumindest 15 Jahren möglich. Bei Immobilieninvestoren sieht das anders aus und da merken wir auch, dass Flexibilität immer stärker nachgefragt wird. Zudem tilgt kaum ein Investor mit 6 oder 7%. 2% oder maximal 3% sind bei Investoren eher die Maxime, im gewerblichen Bereich vielleicht auch 3 bis 4%. Hier haben wir also Laufzeiten von 30 Jahren und länger. In diesen Fällen ist eine zehn- oder 15-jährige Bindung extrem spekulativ. Warum? Wenn im Anschluss an die Bindung die Zinsen hochstehen, kommt alles zusammen. Denn der hohe Zins bewirkt, dass die Wirtschaft in eine Rezession läuft. In solch einer Phase möchte man keine Anschlussfinanzierung machen, zumal auch die Banken dann wieder sehr kritisch hinschauen. Wenn sie nicht verlängern wollen und man eine andere Bank suchen muss, bedeutet das ein viel zu großes Risiko, dass man die Zinsen nicht mehr bedienen kann. Was gibt es für Alternativen? Neuwirth Finance hat eine völlig andere Vorgehensweise und setzt vor allem auf variable Finanzierungen, wie sie international und vor allem in Österreich üblich sind. Der historische Zinsvorteil von 1,5 oder 2% der flexiblen Finanzierungen ist dabei allerdings weg. Worin liegt dann noch der Vorteil einer variablen Finanzierung? Wenn der Kunde Flexibilität haben will, weil er vielleicht in zwei Jahren noch einen Anbau machen will, kann es sein, dass die Bank bei einer Fixzinsbindung nicht mitspielt. Oder wenn der Investor verkaufen will, muss er enorm hohe Vorfälligkeitskosten bezahlen. Bei variablen Zinsen sind Bank und Kunde deutlich flexibler. So besteht aber die Gefahr, dass die Zinsen während des Darlehens steigen … Richtig, es gibt aber auch andere Möglichkeiten, um sich gegen eine Zinswende abzusichern. Eine zehnjährige Zinsbindung ist eine Spekulation in die Zukunft in der Hoffnung, dass die Zinsen danach niedrig sind. Wir wissen aber nicht, wann die Zinsen hoch oder niedrig sein werden. Wir wollen daher aus dieser Spekulation bewusst rausgehen. Zinssicherungen kommen erst zum Einsatz, wenn sich eine Zinswende tatsächlich abzeichnet. Kopfschmerzmittel sind schließlich auch nur dann sinnvoll, wenn man Kopfschmerzen hat, und nicht schon Jahre im Voraus. Wie funktioniert eine solche Zinssicherung? Eigennutzer können bei ihrer Bank von einem variablen Kreditvertrag in einen Kreditvertrag mit längerer Zinsbindung wechseln. Aber bitte erst dann, wenn eine Zinswende wirklich bevorsteht. Alternativ wäre auch der Abschluss eines Zinscaps möglich, bei dem eine Zinsobergrenze fixiert wird. Das ist ein Bankprodukt, wirkt aber wie eine Versicherung, denn alles, was über die festgelegte Grenze geht, wird wieder an den Kunden retourniert. Und für gewerbliche Finanzierungen? Kurt Neuwirth „Zinssicherungen kommen erst zum Einsatz, wenn sich eine Zinswende abzeichnet. Kopfschmerzmittel sind schließlich auch nur dann sinnvoll, wenn man Kopfschmerzen hat, und nicht im Voraus.“ Hier ist eher ein langfristiger Zinsswap sinnvoll. Ein Swap hat den Vorteil, dass er auch gegen einen Zinsanstieg absichert, aber jeden Tag veräußerbar ist. Dadurch besteht während der Laufzeit nicht nur die Möglichkeit, sich flexibel mehr Spielraum zu verschaffen, sondern im Falle eines Zinsanstiegs sogar Gewinne mitzunehmen. Grundsätzlich empfehlen wir aber auch privaten Verbrauchern, das Grundgeschäft vom Zinsgeschäft zu trennen, zum Beispiel eben in Form eines Zinscaps. So kann ein einmal gut verhandelter Kreditvertrag unangetastet bleiben und trotzdem ein Zinsanstieg abgesichert werden. Das schafft einen besseren Ausgleich zwischen Flexibilität und Sicherheit als eine fixe Zinsbindung. W Juli 2019 55

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