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AssCompact 08/2018

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KUNSTVERSICHERUNG © serge-b – Fotolia.com Kunstsachverständige: Werte erkennen, Werte benennen Was ist ein Kunstwerk wert? Ist es authentisch, unrichtig zugeschrieben oder gar gefälscht? Wie verändert sich der Wert eines Kunstwerks nach einem Schaden? Ob bei Versicherungsfragen, Erbschaft, Beleihung oder vor Gericht – Kunstsachverständige kommen immer dann zum Einsatz, wenn eine neutrale und unabhängige Expertise gefordert wird. Wert von Kunst und Kultur ergibt sich nicht zuletzt aus ihrem lokalen und historischen Kontext, aus ihrer „Der Bedeutung für Ort und Menschen. Kultur ist kein Zahlenspiel.“ Dieses hier aus dem Kontext genommene Zitat eines deutschen Kulturpolitikers ist im Prinzip richtig. Dennoch ist es die Aufgabe des Kunstsachverständigen, genau dies zu tun: Kunstwerke nachvollziehbar und wenn möglich belastbar in Zahlen umzusetzen. Wert ist nicht gleich Wert Je nach Bewertungsanlass können einem Werk verschiedene Werte zugewiesen werden. Bei Nachlassbewertung und Schenkung wird zum Beispiel der gemeine Wert ermittelt. Dieser Wert nach Bewertungsgesetz wird durch den Preis bestimmt, der im gewöhnlichen Geschäftsverkehr nach der Beschaffenheit des Die Aufgabe des Kunstsachverständigen ist es, genau dies zu tun: Kunstwerke nachvollziehbar und wenn möglich belastbar in Zahlen umzusetzen. Wirtschaftsgutes bei einer Veräußerung zu erzielen wäre. Für Kunstwerke und Sammlungen ist er, aufgrund der oftmals schwierigen Verwertungsaussichten, zudem vorsichtig und zurückhaltend zu ermitteln. Es ist also ein Verkaufspreis, gleichzusetzen dem Verkehrswert, je nach Standpunkt im ungünstigsten Fall ein Händlereinkaufspreis. Im Gegensatz dazu stehen der Versicherungswert und der Wiederbeschaffungswert. Beide beruhen auf dem Einkaufspreis im Fachhandel. Der Wiederbeschaffungswert findet im Versicherungswesen im Total- und Teilschadenfall Anwendung. Er beschreibt den Geldbetrag, der aufgewendet werden muss, um ohne zeitlichen Druck ein in Art und Güte vergleichbares Kunstwerk im Fachhandel zu erwerben. Der Versicherungswert wird meist noch höher angesetzt, da eine potenzielle Wertsteigerung mit einkalkuliert wird. Da es sich bei Kunstobjekten meist um singuläre und sammlungswürdige Stücke handelt, können Definitionen wie Neuwert oder Zeitwert, der eine verwendungs- bzw. altersbedingte Abnutzung voraussetzt, nicht zur Anwendung kommen. Wertbildende Kriterien Wie aber kann der Wert eines Kunstwerks zu einem bestimmten Zeitpunkt ermittelt werden? Zentrales Hilfsmittel dafür ist die Betrachtung der wertbildenden Kriterien eines Werks. Jedes Kunstwerk besitzt Eigenschaften, die auf dem Kunstmarkt eine gewisse Resonanz erzeugen. Sie geben Auskunft darüber, welche Bedeutung ein Künstler 52 August 2018

zw. vergleichbarer Künstler und ein in Art und Güte vergleichbares Werk auf dem Markt haben. Wertbildende Kriterien sind unter anderem: Authentizität, Künstler, Schule, Signatur und Datierung, Gattung, Technik, Maße, Motiv, Innovation, Zustand, Marktfrische, kunst- und kulturhistorische Bedeutung, Qualität, Provenienz, Restitutions - freiheit, Seltenheit, Schaffensperiode, Charakteristik und Performance. Die wichtigste Aussage über den Wert eines Objekts ist die Frage der Authentizität. Erkenntnisse über die Authentizität, die Echtheit eines Werks, können über stilkritische Betrachtung, Kennerschaft (Connaisseurschaft), Materialanalyse, Maltechnik und Materialverwendung (Technische Kunstgeschichte) sowie über die Provenienz, die lückenlose Herkunft, gewonnen werden. Hier sei angemerkt, dass es wesentlich einfacher ist, eine Fälschung zu erkennen, als die Echtheit zweifelsfrei nachzuweisen. Der Künstler und seine Bedeutung bilden ein weiteres Kriterium des Werts genau wie die Frage, ob das Stück signiert ist oder lediglich als „zugeschrieben“ gilt. Die Gattung und Technik des Werks spielt ebenfalls eine Rolle. So werden Zeichnungen traditionell niedriger gehandelt als Aquarelle, diese wiederum niedriger als vergleichbare Ölgemälde, es sei denn, der Künstler ist für eine der genannten Techniken besonders bekannt. Ein Gemälde im Oeuvre eines Bildhauers stellt eine Ausnahme dar, die dadurch zwar selten, aber eben auch untypisch ist. Kleinere Werke sind meist günstiger als große, marktfreundlichere Motive finden ein breiteres Sammler - interesse. Das Biedermeier-Porträt einer jungen Schönheit wird sich besser verkaufen als das einer älteren Dame in gleicher künstlerischer Qualität. Der Erhaltungszustand eines Kunstwerks steht in Relation zur Seltenheit und Bedeutung des Künstlers. Bei einem seltenen, gesuchten Werk wird ein Sammler auch einen schlechteren Zustand akzeptieren. Ein Werk mit vergleichbarem Zustand eines schwächeren Künstlers wird sich auf dem Markt schwerer tun. Die bereits erwähnte Provenienz hat einen deutlichen Einfluss auf die Wertbildung. Wer war der Vorbesitzer, war das Werk Teil einer bedeutenden Sammlung, wurde es bereits publiziert und ist somit nachweisbar? Im besten Fall lässt sich ein Werk bis ins Künstleratelier zurückverfolgen. Provenienzforschung fragt und hinterfragt auch, ob es Unsicherheiten in der Eigentümerschaft gibt, ob das Werk beispielsweise gestohlen, geraubt oder unrechtmäßig angeeignet wurde. Ein weiterer wichtiger Punkt der wertbildenden Kriterien ist die Performance. Untersucht wird, wie der Künstler bzw. ein vergleichbarer Künstler in den letzten Jahren und Jahrzehnten gehandelt wurde. Diverse Kunstpreisdatenbanken geben Schätzwerte, Limit- und Hammerpreise vergleichbarer Werke wieder, die eine Tendenz im Preis erkennen lassen. Hier gilt es zu berücksichtigen, welche Preise dort genannt sind und ob es zum Zeitpunkt des Verkaufs Besonderheiten gab, die den Preis beinflusst haben könnten. Anlass kann eine zeitnahe Ausstellung, mediale Aufmerksamkeit, ein Bietergefecht oder ein besonders hoher Verkauf eines vergleichbaren Werks gewesen sein. Zu klären ist auch, ob die Auktionsdaten den Künstler und sein Werk repräsentativ abbilden oder ob er stärker im Kunst- bzw. Galeriehandel vertreten ist. Unter Berücksichtigung der genannten wertbildenden Kriterien lassen sich, je nach Erfahrung des Kunstsachverständigen und nach Rechercheaufwand, zu erwartende Wiederbeschaffungs-, gemeine Verkehrs- und Versicherungswerte nachvollziehbar und auch bis zu einem gewissen Grad belastbar ermitteln. Unbekannte Künstler In Haftpflichtfällen mit Total- oder Teilschaden kommt es häufig vor, dass Werke von Künstlern bewertet werden müssen, die nie gehandelt wurden. Dennoch ist ein Schaden entstanden, der beziffert werden muss. In diesem Fall müssen durch Marktrecherche vergleichbare Künstler mit ähnlicher Vita, Ausbildung und künstlerischer Herangehensweise gefunden werden, die bereits gehandelt wurden. Nach Angleich gemäß wertbildender Kriterien lassen sich die Handelspreise auch in diesen Fällen nachvollziehbar definieren. Wertminderung nach Restaurierung Etwas komplexer gestaltet sich die Wertänderung eines Kunstwerks im Teilschadenfall. Der Verursacher meldet zusammen mit dem Geschädigten den Schaden nebst Ansprüchen an die Versicherung. In der Schadenmeldung werden, neben Informationen zum Schadenhergang, auch Angaben zum Wert bzw. zum Kaufpreis des Objekts gemacht. O Von Dr. Martin Pracher Er ist selbstständiger Kunstsachverständiger und Dozent für Technische Kunstgeschichte und Präventive Konservierung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und von der IHK Würzburg-Schweinfurt öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schadenbewertung bei Gemälden und Skulpturen. August 2018 53