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AssCompact 08/2018

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FINANZEN „Die Baufinanzierungszinsen sind grundsätzlich volatil“ Interview mit Michael Neumann, Vorstand der Dr. Klein Privatkunden AG Die US-Notenbank hebt die Leitzinsen seit dem vergangenen Jahr wieder schrittweise an. Weil einige Experten das auch für Europa erwartet hatten, zogen die Bauzinsen daraufhin auch in Deutschland an. Zuletzt haben sie aber wieder nachgegeben. Michael Neumann von Dr. Klein ordnet im Gespräch mit AssCompact die aktuellen Zinsentwicklungen ein. Herr Neumann, gegen Ende 2017 prognostizierten viele Experten steigende Bauzinsen, einige sogar den Beginn einer nachhaltigen Zinswende. Die vermeintliche Trendwende dauerte aber nur bis zum Frühjahr. Seitdem sinken die Zinsen sogar wieder. Wie erklären Sie sich das? Die Zinsentwicklung vorauszusagen, gleicht immer dem Blick in die Glaskugel. Auch wenn man die makroökonomischen Rahmenbedingungen gut analysieren kann, passieren zum Beispiel auf politischer Ebene häufig überraschende Entwicklungen, auf die die Zinsen dann kurzfristig reagieren. Ganzheitlich betrachtet steigen die Zinsen geringfügig. Dass sie zwischenzeitlich auch wieder ein wenig nachgeben, ist nicht ungewöhnlich. Baufinanzierungszinsen sind grundsätzlich volatil. Welche Rolle spielt das Auslaufen des Anleihekaufprogramms der EZB für die Bauzinsen? Dieser Eingriff der EZB in den Markt hält die Zinsen künstlich niedrig. Durch den Rückzug aus dem Anleihekaufprogramm werden sich die Zinsen tendenziell auf einem natürlicheren Niveau einpendeln. Ihr eigentliches Niveau wird erst erreicht werden, wenn die EZB die durch das Kaufprogramm zusätzlich in den Markt gepumpte Liquidität wieder reduziert. Auch der Leitzins spielt eine Rolle für die Bauzinsen. Die Politik der EZB ist es, die Märkte sehr behutsam auf Veränderungen vorzubereiten, weshalb eine etwaige Anpassung des Leitzinses häufig bereits im Vorfeld vom Markt eingepreist wird. Legt man die Kurven der Baufinanzierungszinsen und des Leitzinses übereinander, bewegen sie sich über einen längeren Zeitraum betrachtet in die gleiche Richtung, aber die Bauzinsen verändern sich regelmäßig ein bisschen früher als der Leitzins. „Der Eingriff der EZB in den Markt hält die Zinsen künstlich niedrig. Durch den Rückzug aus dem Anleihekaufprogramm werden sich die Zinsen tendenziell auf einem natürlicheren Niveau einpendeln.“ Die US-Notenbank hat ihre Zinsen seit geraumer Zeit wieder ein gutes Stück angehoben. Ist das ein sinnvolles Vorbild für den Euroraum? Die Rahmenbedingungen in den USA sind andere. Die Fed hat im Zuge der Subprime-Krise, die sich dann zu einer globalen Finanzkrise ausgeweitet hat, schneller mit Zinssenkungen reagiert. In den vergangenen Jahren konnte sich daraufhin die US-amerikanische Wirtschaft konsolidieren und wächst nun wieder. Deshalb war es der Fed möglich, sich schneller aus den Anleihekäufen zurückzuziehen und auch die Zinsen rascher wieder anzuheben. In der EU zeigt sich ein anderes Bild: Die Wirtschaftslage in den verschiedenen Mitgliedsstaaten ist sehr unterschiedlich. Zum Vergleich: Die Inflationsrate legte in den USA wesentlich schneller zu: Seit zwei Jahren liegt sie über 2%. In der Eurozone hingegen lag sie 2016 noch bei 0,2% und 2017 auch noch weit unter der Zielmarke von 2%. Gleiches gilt für die Entwicklung der Arbeitslosenquote. Diese sinkt in den USA seit Ende 2010. Derzeit liegt sie bei 3,9%. In der Eurozone lässt sich ein langsamer Rückgang erst seit 2013 erkennen. Aktuell beträgt die Quote 8,4%. Deshalb lässt sich zwar die prinzipielle Strategie der Fed auf die Eurozone übertragen, nicht aber ihr Zeitplan. Hat der Handelskrieg zwischen Europa, China und den USA irgendwelche Auswirkungen auf die Entwicklung der Leitzinsen? Strafzölle wirken sich langfristig wachstumshemmend auf die Wirtschaft aus. Der Handelskonflikt zwischen den USA und China wird auch für Europa und Deutschland Folgen haben. In der globalisierten Welt sind Handelsbeziehungen international miteinander verwoben. So werden beispielsweise Autos von Audi in den USA produziert, aber von dort auch in andere Länder exportiert. Zudem wird es Verlagerungen in den Absatzmärkten geben: Wenn zum Beispiel China die vom US-Zoll betrof- 80 August 2018

fenen Produkte im europäischen Markt verkaufen möchte, beeinflusst das die Preise in Europa. Ein weltweiter Handelskonflikt würde die konjunkturelle Entwicklung der betroffenen Länder erheblich hemmen. Tendenziell führt eine schwächere Konjunktur mittelfristig eher zu einer schwächeren Inflation. Hält diese Entwicklung an, sehen es die Notenbanken als ihre Aufgabe gegenzusteuern. In der Folge würde der Druck für die EZB, die Zinsen anzuheben, wieder verringert. Wie wichtig sind die politischen Krisenherde innerhalb von Europa für die aktuelle Zinsentwicklung? Generell lässt sich festhalten: Sie sorgen für Unruhe – und immer wieder für Überraschungen. Dadurch machen sie es der EZB schwerer, mutiger zu handeln, weil die Zentralbank eine solide Basis schaffen und ausgleichend agieren muss. In der Regel haben politische Ereignisse aber nur kurzfristige Auswirkungen auf die Zinsentwicklung. Betreffen die politischen Unsicherheiten andere Länder, dann flüchten sich die Anleger häufig in sichere Häfen. Dazu zählen die deutschen Staatsanleihen. Durch die erhöhte Nachfrage sinkt deren Rendite und infolgedessen folgen die Baufinanzierungszinsen diesem Trend und geben nach. Ein Beispiel dafür ist der Wahlausgang in Italien. Dieser sorgte für unklare Mehrheitsverhältnisse und damit für Unsicherheit. Durch diese Entwicklung in Italien gewannen deutsche Bundesanleihen aufgrund ihrer Stabilität an Attraktivität, ihre Rendite nahm daher ab. Kurzfristig gaben in der Folge die Baufinanzierungszinsen etwas nach. Ein wichtiger Zinsfaktor ist historisch gesehen die Inflation. Zuletzt hat sie in Deutschland wie auch im Euroraum insgesamt nach längerer Durststrecke angezogen. Wird sich das auch an den Leitzinsen bemerkbar machen? Hier ist es sinnvoll, die Kerninflation zu betrachten. Diese ist nicht von volatilen Dienstleistungen und Gütern wie Nahrungsmitteln und Energie beeinflusst. Liegt die Kerninflation nachhaltig im Zielkorridor der EZB von 2%, dann könnte das den Ausschlag geben, den Leitzins langsam anzuheben. Denn: Steigt die Inflation, sinkt die Kaufkraft, wenn nicht gleichzeitig die Löhne anziehen. Das hätte auf lange Sicht negative Auswirkungen auf die Wirtschaft. Einen solchen Schritt würde die EZB lange im Vorfeld ankündigen und die Märkte würden diese Veränderung sukzessive einpreisen. In einem solchen Fall wäre mit steigenden Bauzinsen zu rechnen. Momentan steigt die Teuerungsrate im Euro-Währungsgebiet zwar: Im Mai betrug sie 1,9%. Doch die Kerninflationsrate liegt weiterhin deutlich darunter – bei 1,1%. Werden auch die nächsten Anläufe für eine Zinswende wieder schnell ausgebremst? Die Staatskassen der südlichen Länder des Euroraums sind schließlich weiter auf Niedrigzinsen angewiesen … Michael Neumann „Einige südeuropäische Länder haben in den letzten Jahren kaum strukturelle Reformen umgesetzt. [...] Deshalb sind sie von einem niedrigen Zinsniveau abhängig.“ Einige südeuropäische Länder haben die Niedrigzinsphase bisher nicht oder zu wenig genutzt, um ihre immense Staatsverschuldung zu reduzieren. Der Plan der EZB war, den hochverschuldeten Ländern durch ihre Maßnahmen Zeit zu geben, um mit Strukturreformen wieder wettbewerbsfähiger zu werden. Leider haben nur einige Länder diese Phase konsequent genutzt, ihre Staatsverschuldung abgebaut und sind auf einen soliden Wachstumskurs zurückgekehrt. Andere Länder wie etwa Italien verzeichnen noch immer eine sehr hohe Staatsverschuldung. Sie haben in den letzten Jahren kaum strukturelle Reformen umgesetzt. Deshalb sind sie von einem niedrigen Zinsniveau abhängig. Dieser Umstand wirkt sich hemmend auf eine Leitzinserhöhung aus, weil die EZB ihr Handeln auf die gesamte Eurozone abstimmen muss. Ist eine lange Zinsbindung vor diesem Hintergrund nicht überflüssig bzw. zu teuer bezahlt? Grundsätzlich hängt die Entscheidung für eine Zinsbindung immer von der individuellen finanziellen Lebenssituation und von der Risikoneigung ab. Die Zinsen sind nun schon sehr lange Zeit sehr günstig. Mit einem gewissen Zinsanstieg muss man aufgrund der aktuellen ökonomischen Gegebenheiten rechnen und es ist alles andere als sicher, dass sich das aktuelle Zinsniveau auf dem derzeit extrem niedrigen Stand noch lange fortsetzen wird. Bei Baufinanzierungen sichern sich Darlehensnehmer die Zinsen momentan für einen sehr langen Zeitraum – im Durchschnitt über 14 Jahre. Wenn man neun Jahre zurückschaut, waren die Baufinanzierungszinsen mehr als drei Mal so hoch wie heute. Insofern besteht eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen steigen, als dass sie noch weiter sinken. W August 2018 81