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AssCompact 09/2018

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TELEMATIK „Langfristig

TELEMATIK „Langfristig setzen sich Tarife durch, die zu risikobewussterem Verhalten anregen“ Interview mit Philipp Erb, Chief Actuary, und Alexander Huber, CMO von ONE Insurance Kürzlich hat der digitale Versicherer ONE Insurance einen neuen Dienst auf den Markt gebracht, mit dem Kunden durch gesunde Lebensweise ihre Prämie verringern können. Wie der neue Dienst funktioniert und was das Angebot von einem Telematiktarif in der Kfz-Versicherung unterscheidet, erläutern Philipp Erb und Alexander Huber von ONE. Herr Erb, Herr Huber, Sie wollen mithilfe der neuen App „ONECoach“ Ihre Kunden zu einer positiven Einstellung zum Thema Prävention und Vorsorge bewegen. Wie genau funktioniert denn der neue Service? Alexander Huber Der ONECoach ist zunächst Teil unserer App und soll unsere bestehenden Kunden auf Risiken aufmerksam machen, bevor diese entstehen. Dies ist für uns ein erster Schritt in „Wir stehen noch am Anfang und werden mit den ausgewerteten Daten unseren Kunden einen konkreten Mehrwert bieten.“ Alexander Huber Alexander Huber Richtung Usage Based Insurance, kurz UBI, die es im Bereich Sachversicherungen so noch nicht gegeben hat. Als Datenquelle dient uns der Bewegungssensor und das GPS- Modul des Smartphones. Auf Wunsch werden Parameter wie Arbeitszeit, Schlaf, Bewegung oder der Standort ausgewertet. Philip Erb Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir den ONECoach allen App-Usern zur Verfügung stellen, unabhängig davon, ob sie ONE-Kunden sind oder nicht. Die Kunden haben also die Möglichkeit, in Echtzeit zu verfolgen, wie sich ihr individueller Lebensstil auf ihre Risikobewertung auswirkt? PE Genau. Kunden, die ihren Lebensstil im Sinne ihres Risikoprofils optimieren möchten, können sich von unserer App coachen lassen. AH Wir stehen noch am Anfang und werden mit den ausgewerteten Daten den Kunden einen konkreten Mehrwert bieten. Möglich macht es unser Joint Venture mit der Munich Re und dem Schweizer Geo-Location-Pionier Axon Vibe. Ist der „ONECoach“ denn ein reines Bonuspunktesystem? AH Aus Kundenperspektive ist der Coach zunächst ein Bonussystem und Motivations- bzw. Selbstoptimierungstool. Für uns bildet der Coach aber auch die digitale Infrastruktur für kommende UBI-Produkte. Was passiert, wenn die Lebensweise eher nicht dazu beiträgt, den Risiko- Score zu verringern? Können dem Kunden auch Nachteile entstehen? AH Nachteile werden für unsere Kunden nicht entstehen. Der ONECoach sollte neben seiner originären Funktion in erster Linie Aufmerksamkeit wecken. Das Stichwort lautet hier Gamification. Aber rein perspektivisch betrachtet: Ist es fair, jemandem, der ein höheres Risiko im Rahmen einer Solidargemeinschaft trägt, den gleichen Preis anzubieten wie jemandem, der es stets vermeidet, ins Risiko zu gehen? Glauben Sie, dass sich bei den meisten Versicherten ein nachhaltiger Effekt einstellt oder lassen die Bemühungen nach anfänglichem Interesse eher nach? AH Wenn man sich umschaut, so ist die „Selbstoptimierungswelle“ aus den USA schon längst nach Deutschland geschwappt. Flapsig ausgedrückt: Yoga, Matchatee und ständige Selbstkontrolle mithilfe individueller IoT-Devices sind auch bei uns angekommen. Daher ist dies ein logischer Schritt: Eine Versicherung sollte weit mehr sein als monetärer Ausgleich im Falle eines Unglücks. Viel besser für alle Parteien wäre doch sicherlich, dass ein etwaiges Unglück gar nicht erst passiert – und dazu versuchen wir mit dem ONECoach beizutragen. Einige Versicherer haben ja bereits Pay-as-you-live-Tarife im Angebot, doch noch scheinen die Kunden hier 46 September 2018

eher zurückhaltend. Woran könnte das Ihrer Einschätzung nach liegen? PE Pay-as-you-live-Modelle sind noch relativ neu. Die Mehrheit der Kunden wird selektiv vorgehen und sich erst dann für solche Tarife entscheiden, wenn sie echten Mehrwert für sich sehen und sich vor allem vergewissert haben, dass sie die Kontrolle über ihre Daten behalten, also bestimmen können, wem sie gewisse Daten zur Verfügung stellen und für welchen Verwendungszweck. AH Und genau an diesem Punkt setzen wir an: Alle Daten, die wir erfassen, sind zu 100% anonymisiert und werden zu keinen anderen Zwecken genutzt als den bereits genannten. Vorher geben die Kunden hierzu pro Anwendungsgebiet ihr Einverständnis. Welches Potenzial sehen Sie denn in verhaltensabhängigen Tarifen? PE Das Potenzial von verhaltensabhängigen Tarifen liegt meiner Meinung nach darin, dass unmittelbar Anreize geschaffen werden, sich risikobewusst zu verhalten. Dies kommt in erster Linie den einzelnen Kunde zugute, aber auch die Gemeinschaft als Ganzes profitiert. Solche Anreize können gewisse Kunden beispielsweise zusätzlich motivieren, gesünder zu leben, indem sie – wenn ihnen das möglich ist – öfter Sport treiben oder sich genügend ausruhen. Worin bestehen denn Unterschiede zwischen Ihrem neuen Tool und einem Telematiktarif bei der Kfz-Versicherung? PE Im Unterschied zu den üblichen Telematiktarifen, die sich ausschließlich auf Aspekte des Underwritings und Pricings fokussieren, steht beim ONECoach der ganzheitliche Mehrwert für die Kunden im Zentrum. Außer vom Coaching zwecks Risikoprofiloptimierung und den UBI-Produkten wird der Kunde beispielsweise von kontextbasierten Offerings profitieren. Immer wieder wird der Vorwurf laut, das Pay-as-you-drive-Modell würde das Solidarprinzip der Ver - sicherungen untergraben. Wie ist denn Ihre Einschätzung? PE Die Messung der effektiv gefahrenen Kilometer ist ein Schritt in Richtung risikogerechterer Tarife. Tarifliche Anreize wie zum Beispiel die Vermeidung nicht zwingend notwendiger Fahrten werden nicht nur den einzelnen Kunden zugutekommen, die von einer Verringerung ihrer Versicherungsprämie profitieren, sondern allen Verkehrsteilnehmern, da sich damit auch die Verkehrsdichte reduziert und somit die Straßen gesamthaft sicherer werden. Langfristig werden sich Tarifmodelle durchsetzen, die bei Kunden angemessene Anreize schaffen zu risikobewussterem Verhalten. Mit Philipp Erb „angemessen“ meine ich durch die Kunden beeinflussbare Verhaltensan reize, die im Sinne der Tragbarkeit verhältnismäßig sind. Rund um die Telematiktarife rücken rechtliche Fragen in den Mittelpunkt, vor allem zum Datenschutz. Bei Ihrem Angebot soll die Datenhoheit beim Kunden liegen. Rechnen Sie dennoch mit Schwierigkeiten in Sachen Datenschutz? AH Gemeinsam mit unserer Mutter, der wefox Group, wollen wir das Machtgefüge in der Datenhoheit verändern und einen Bottom-up-Prozess ins Rollen bringen. Wir wollen, dass Menschen entscheiden, „Das Potenzial von verhaltensabhängigen Tarifen liegt darin, dass unmittelbar Anreize geschaffen werden, sich risikobewusst zu verhalten.“ was mit ihren Daten passiert, keine Konzerne, die Daten zur Monetarisierung nutzen. Philipp Erb Hier beginnen wir bald mit Maßnahmen wie beispielsweise Konferenzen, um auf dieses Thema nachhaltig aufmerksam zu machen. Unsere Kunden können jederzeit entscheiden, was sie in welchem Umfang mit uns teilen wollen. Damit der ONECoach jedoch einen echten Mehrwert bietet, benötigen wir zwangsläufig IoT-Daten unserer Kunden. Sie wollen Ihren Kunden künftig auf Basis der jeweiligen Lebensumstände “Realtime”-Kurzzeitpolicen anbieten. Welche Versicherungen sind denn hier geplant und wann wollen Sie damit starten? PE In einer ersten Phase werden wir Kunden unter Berücksichtigung ihres momentanen Aufenthaltsorts einen passenden Versicherungsschutz anbieten. Wir werden noch in diesem Quartal ein Reisegepäckprodukt lancieren, das Kunden vor Diebstahl oder Beschädigung ihres Gepäcks inklusive aus - gewählter Wertgegenstände schützt. AH Konkret funktioniert das so: Wenn ein OneCoach-User die Geozone eines Flughafens in Deutschland betritt, wird er mittels Push-Notification auf die Versicherung aufmerksam gemacht, das er im „Swipe-on“-Stil zu einer fixen Rate auf Tagesbasis abschließen kann. Nach seiner Rückkehr wird der Versicherungsschutz automatisch deaktiviert. W September 2018 47