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AssCompact 09/2018

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TELEMATIK Wie Big Data

TELEMATIK Wie Big Data die Assekuranz und die Arbeitsweise der Aktuare verändert Interview mit Rainer Fürhaupter, Vorstandsmitglied der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) Dank zusätzlicher Datenquellen wie etwa Fitnesstracker oder Telematik-Apps im Auto werden heutzutage gigantische Datenmengen erzeugt. Welche Vorteile bietet die Entwicklung, wo liegen die Grenzen und vor welche Herausforderungen stellt sie an Aktuare? Denn mehr Daten bedeuten nicht automatisch immer einen Informationszugewinn. Herr Fürhaupter, welche Daten ziehen Aktuare für die Kalkulation von Versicherungstarifen eigentlich heran? Bisher bezogen die Aktuare die Daten aus vordefinierten Statistiken aus den Risiko- und Schadenbeständen ihrer Unternehmen sowie zum Teil aus übergreifenden Beständen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, des Verbands der Privaten Krankenversicherung, von Rückversicherern und von Beratungsfirmen. Was hat sich in den vergangenen Jahren denn am deutlichsten gewandelt, etwa im Bereich der Kfz-Versicherung? Der größte Unterschied ist, dass nun zusätzliche Daten aus Quellen zur Verfügung stehen, die eigentlich gar nicht für die Kalkulation vorgesehen waren. Hierzu zählen beispielsweise Daten von Wasserwirtschaftsämtern, um Überschwemmungsrisiken zu bewerten, oder Informationen aus dem Internet of Things (IoT). In der Kfz-Versicherung können Telematikdaten dem Versicherer zuvor nicht bekannte Informationen zum Fahrverhalten des Versicherungsnehmers liefern. Inwiefern verändern neue Technologien bzw. Big Data oder Data Science die Arbeitsweise von Aktuaren? „Durch Data Science wird die Versicherungswirtschaft in der Lage sein, in größerem Maß kundenorientierte Services und maßgeschneiderte Produkte anzubieten.“ Die einschneidendsten Veränderungen betreffen die Hauptarbeitsgrundlage von Aktuaren: die Daten. Zwar wurde speziell in der Kranken- und Kfz-Versicherung auch früher mit großen Datenbeständen gearbeitet, bislang wurden diese jedoch ausschließlich zu festen Zeitpunkten erhoben und entsprachen vorab festgelegten Formaten. Dies ändert sich zunehmend: Durch die Nutzung von Fitnesstrackern oder Telematik-Apps im Auto werden heute laufend Daten in gigantischem Umfang generiert, die unterschiedlichste Datentypen umfassen und vielfach kaum oder nicht strukturiert sind. Worin liegen Ihrer Einschätzung nach die größten Chancen? Durch Data Science wird die Versicherungswirtschaft in der Lage sein, in größerem Maß kundenorientierte Services und maßgeschneiderte Versicherungsprodukte anzubieten. So können beispielsweise durch moderne Geoanalytics- Methoden hochwassergefährdete Gebiete noch genauer bestimmt werden. Dadurch besteht zum einen die Möglichkeit, Schadenschwerpunkte sowie Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und etwa bauliche Gegenmaßnahmen zu initiieren. Und zum anderen können durch die zusätzlichen Erkenntnisse Risikoprämien künftig noch exakter auf das tatsächliche Risiko zugeschnitten werden. Durch diese bessere Transparenz und die fairere Prämienzuordnung sollte in der Bevölkerung die Motivation steigen, sich zu versichern. Denn potenzielle Kunden nehmen eine risikogerechte Prämie besser an als ein ungebührlich hohes Mitzahlen für andere über Einheitsprämien. Dadurch wird das Versicherungsprinzip „viele für einen“ erheblich gestärkt. Großes Thema in der Kfz-Versicherung sind die Telematiktarife. Hierbei werden auch verhaltens- bzw. nutzungsorientierte Daten erfasst. Vor welche neuen Herausforderungen stellt dies Aktuare? Bereits heute nimmt die Datenaufbereitung 80 bis 90% der Projektzeit in Anspruch und mit dem nahezu unendlichen Datenstrom gewinnt sie weiter an Bedeutung. Dafür brauchen wir neue Data-Analytics-Methoden, da die bisherigen mit den künftigen Datenmengen und -formen an ihre Grenzen stoßen. Zudem werden wir noch mehr Zeit darauf verwenden müssen, die Qualität der Daten zu überprüfen. Denn es ist ein Trugschluss, dass mehr Daten immer gleichbedeutend sind mit einem Informationszugewinn. Schließlich müssen 50 September 2018

die Daten in das bisherige, mit über 40 Variablen bereits sehr ausgereifte, Kalkulationsmodell eingepasst werden. Es muss beispielsweise darauf geachtet werden, dass die neuen Variablen die „alten“ mathematisch gut ergänzen. Was bedeutet es für die Kalkulation von Kfz-Tarifen, wenn Fahrer mit ihrem Fahrverhalten über die erzeugten Fahrdaten auf die Höhe des Beitrags Einfluss nehmen können? Wie geht man etwa mit Schwankungen um? Die Fahrer erzeugen mit ihrem Fahrverhalten einen sogenannten Score, mit dem sie klassifiziert und in ein mathematisch-statistisches Modell eingeordnet werden. Der Telematikansatz soll den Fahrern in ihrem Verhalten schneller und unmittelbarer Rückmeldung über ihr Fahrverhalten geben. Es wird sich zeigen, was sich Versicherer in puncto Reaktionsschnelligkeit der Beiträge nach oben und nach unten künftig zutrauen. Das ist aber nicht nur kalkulatorisch und verwaltungstechnisch eine Herausforderung, sondern auch kommunikativ. Denn hier muss frühzeitig Transparenz geschaffen werden. Rund um die Telematiktarife rücken rechtliche Fragen in den Mittelpunkt, vor allem der Datenschutz. Was sehen Sie als größtes Problem an? Rainer Fürhaupter Zunächst einmal möchte ich betonen: Es ist wichtig, dass wir inzwischen eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit sensiblen Daten haben. Alle Entscheidungsträger sollten sich aber hüten, aufgrund der letzten Datenskandale die Bürger zu unmündigen Verbrauchern zu degradieren, die man nicht nur vor Unternehmen, sondern am besten auch vor ihren eigenen Entscheidungen schützen sollte. Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht, wie sich an der EU- Datenschutz-Grundverordnung zeigt, die sehr viel Rechtsunsicherheiten mit sich bringt. Was wir uns aber sehr wohl vorstellen können, ist eine Art europaweiter Kodex. Darin sollte geregelt sein, welche Daten wie für die Kalkulation von Versicherungs - tarifen verwendet werden dürfen. Die Aktuare stehen mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Umgang mit sensiblen Daten zur Verfügung, dies mit den Politikern, dem Verbraucherschutz und der Wirtschaft zu diskutieren. O Anzeige September 2018 51