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AssCompact 01/2020

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ASSEKURANZ

ASSEKURANZ Unfallversicherungen 2.0: Viel hilft viel, ist aber nicht immer sinnvoll Die Qualität der Bedingungswerke in der Unfallversicherung ist hoch. Das Analysehaus Assekurata stellt sich aber die Frage, ob die angebotenen Leistungen dem Kundenbedarf tatsächlich entsprechen, und hat dies nun in einer Tarifanalyse untersucht. Die Unfallversicherung hat viele Fans. Unternehmen mögen sie, weil sie – wenn auskömmlich kalkuliert – schnell zu einer „Cashcow“ wird. Kunden mögen sie, da sie leicht verständlich ist und eine günstige Invaliditätsabsicherung mit vielen Zusatzleistungen bietet. Dazwischen steht der Vermittler, der aus einer Vielzahl an Produkten das passende für seinen jeweiligen Kunden auswählen muss. Angesichts der großen Tarifvielfalt ist eine zielgruppenspezifische Beratung nach qualitativen Gesichtspunkten eine besondere Herausforderung. Hinsichtlich der Bedingungsqualität hebt sich das durchschnittliche Branchenniveau der Unfalltarife mittlerweile deutlich von den GDV-Musterbedingungen ab. Auf den ersten Blick ist aber nicht ersichtlich, welchen Mehrwert die einzelnen Tarife dem Kunden bieten und wo die jeweiligen Absicherungsschwerpunkte bzw. Differenzierungsmerkmale liegen. Denn um sich voneinander abzugrenzen, sind die Unternehmen in den vergangenen Jahren gerade im Hinblick auf die Ausgestaltung der Produkte sehr kreativ geworden. Aus Wettbewerbsgründen ist dies einerseits sicherlich zu begrüßen, andererseits gilt es stets kritisch zu hinterfragen, wie zweckmäßig die jeweiligen Leistungserweiterungen bzw. neuen Tarifelemente für den Kunden sind. Kundenbedarf und Leistungsversprechen laufen häufig aneinander vorbei Aus diesem Grund hat das Analysehaus Assekurata im Vorfeld seiner Tarifanalyse von Unfallversicherungsprodukten den Nutzen der Leistungsversprechen anhand des Kunden - bedarfs und empirischer Fakten überprüft. Kunden und Vermittler erhalten hierdurch Orientierung darüber, welche Leistungen aus Sicht des Versicherten wirklich nützlich sind. Von Arndt von Eicken, Managing-Analyst der ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur GmbH Für den Analyseprozess wurden dann zehn Hauptkriterien als messbare Kernleistungen der Produkte identifiziert und für eine Markt-Benchmark der Erfüllungsgrad ermittelt (s. Tabelle rechts). Hierdurch lässt sich jedes Produkt mit dem Marktniveau ins Verhältnis setzen, wodurch die Mehr- oder Minderleistungen des einzelnen Tarifs besonders zum Vorschein kommen. Hierbei gilt intuitiv: Je höher das Leistungsniveau im Vergleich zur Benchmark ist, desto besser schneidet der einzelne Tarif ab. Dabei zeigt sich, dass sich bei einzelnen Leistungsbausteinen wie beispielsweise der verbesserten Gliedertaxe oder dem erweiterten Unfallbegriff marktweit mittlerweile ein hoher Qualitätsstandard herausgebildet hat. Somit scheinen die Versicherer in der Produktgestaltung hierauf einen besonderen Fokus zu legen. Trotzdem offenbaren sich bei genauerer Betrachtung deutliche Unterschiede. Leistungen der verbesserten Gliedertaxe – Viel hilft viel Gerade bei der Gliedertaxe trennt sich die Spreu vom Weizen, da sich die einzelnen Prozentsätze zur Festlegung der Invaliditätsgrade von Tarif zu Tarif sehr stark unterscheiden. Aufgrund des marktweit erheblichen Variantenreichtums gilt es hier besonders darauf zu achten, welche Invaliditätsgrade für welche Körperteile vorgesehen sind. Insbesondere da es sich dabei um ein ganz wesentliches Versprechen an den Kunden handelt. Daher sollten die Produktunterschiede hier besonders kritisch betrachtet werden. © kaipity – stock.adobe.com 32 Januar 2020

Es gilt: Je höher der Prozentsatz, umso besser für den Kunden (zum Beispiel: Invaliditätsgrad Arm = 100% statt 70% wie in den GDV-Musterbedingungen vorgesehen). Ein Unfall ist nicht nur der Sturz in die Tiefe Im sogenannten erweiterten Unfallbegriff werden Verrenkungen von Gliedern sowie Zerrungen und Zerreißungen von an Gliedmaßen und an der Wirbelsäule befindlichen Muskeln, Sehnen, Bändern und Kapseln sowie Meniskusverletzungen mitversichert. Der Markt ist hier hinsichtlich der Formulierungen sehr kreativ. So wird als Voraussetzung oftmals eine „erhöhte Kraftanstrengung“ oder „plötzliches Abweichen vom geplanten Bewegungsablauf “ gefordert. Die Leistung wird auch dann erbracht, wenn die Verletzung nicht infolge eines Unfalls nach dem klassischen Unfall - begriff auftritt. Allerdings sind die Echtbedingungen am Markt durchaus kreativ bei der Frage, welche weiteren Leistungen erbracht werden. Die Palette ist hier sehr breit und reicht von Leistungen bei Sonnenbrand und Strahlen bis hin zu Gesundheitsschäden durch Erfrieren. Der Nutzen dieser Leistungen hält einer empirischen Prüfung aber nur teilweise stand. Infektionskrankheiten als fragliches Differenzierungsmerkmal Auch Spezialleistungen, beispielsweise bei Verletzungen infolge von Infektionskrankheiten, spielen mittlerweile eine große Rolle in den Unfallbedingungen. Die Spirale vermeintlicher Verbesserungen dreht sich immer weiter nach oben: von Pest über Cholera bis hin zur Lepra. Eine empirische Untersuchung bezüglich des tatsächlichen Aufkommens solcher Krankheiten lässt auch hier die Frage nach der Praxisrelevanz aufkommen. Allerdings finden sich auch durchaus sinnvolle Erweiterungen. Assekurata konnte beispielsweise aus einer Studie des Statistischen Bundesamtes entnehmen, dass im Jahr 2016 bereits 19.713 Patienten in Krankenhäusern aufgrund von Somnolenz, Sopor und Koma behandelt wurden, Tendenz steigend. Die wachsende Zahl an Komapatienten – Leistungsbausteine Dienstleistungen (Assistance, Mehr- und Hilfeleistungen) Zahlungshilfe (auch AU, AL) Such-, Rettungs- und Bergungskosten (inklusive Rücktransport) Erweiterter Unfallbegriff (Ergänzungen) Verbesserte Gliedertaxe (insbesondere Höhe) Todesfallleistungen (zum Beispiel Beitragsbefreiung, Kapitalleistung) Spezialleistungen (zum Beispiel Koma, kosmetische OP, Verletzungsgeld, KHT, Sofortleistung) Wiedereinschlüsse (insbesondere bei Krieg, Terror, Straftaten) Allgemeiner Teil (Wartezeiten, Geltungsbereich usw.) System (zum Beispiel Progression, Mehrleistung) Assekurata hat diese zehn Hauptkriterien als messbare Kernleistungen von Unfallversicherungen identifiziert und nach Kundennutzen bewertet. Quelle: Assekurata gerade im Hinblick auf das künstliche Koma – rückt diese Leistung immer stärker in den Vordergrund, sodass mehrere Gesellschaften sie bereits in ihr Angebot aufgenommen haben. Diesbezügliche Tariferweiterungen in der Unfallver - sicherung ergeben durchaus Sinn. Anderen Leistungsbereichen wie beispielsweise den Zahlungshilfen widmen die Versicherer hingegen anscheinend weniger Beachtung, sodass hier der Differenzierungsspielraum noch recht hoch ist. Neben gängigeren Optionen wie zum Beispiel der Beitragsherabsetzung bei gleichzeitiger Leistungsreduzierung lassen sich marktweit vereinzelt weitere Bestandteile finden. Beispielsweise kann eine Beitragsbefreiung bei Arbeitslosigkeit und/oder Arbeitsunfähigkeit unter Beibehaltung des Leistungsversprechens im individuellen Fall durchaus interessant sein. Dies gilt auch für den Leistungsbaustein Bergungskosten. Neben dem Such-, Rettungs- und Bergungskostenersatz decken einige wenige Tarife zusätzlich zum Rücktransport des Verunfallten auch den der Mitreisenden. Eine zeitgemäße Produktberatung erfordert vom Vermittler aufwendige Recherchen Anhand dieser Beispiele zeigt sich deutlich, wie wichtig es ist, die einzelnen Leistungen hinsichtlich des Kundennutzens zu hinterfragen und die Produkte hierauf zu prüfen. Zu guter Letzt sollte sich jeder Vermittler fragen, ob bedingungsseitig aufgeladene Unfallprodukte, die noch dazu im Preisvergleich ganz oben stehen, auch zukünftig dort bleiben werden. Denn die Tragfähigkeit solcher Produkte steht letztlich auf einem ganz anderen Blatt. Auch sie ist ein wichtiger Prüfbestandteil der Assekurata-Tarifanalyse. W Januar 2020 33

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