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AssCompact 02/2021

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EXISTENZSCHUTZ „Jedes

EXISTENZSCHUTZ „Jedes Absicherungsmodell muss auf Rechtssicherheit aus Kundensicht abzielen“ INTERVIEW MIT DR. JÖRG SCHULZ, GESCHÄFTSFÜHRENDER GESELLSCHAFTER DER INFINMA INSTITUT FÜR FINANZ-MARKT-ANALYSE GMBH Die Vielfalt am Markt der Arbeitskraftabsicherung wächst. Mit der Weiterentwicklung von BU- und zuletzt vor allem der Grundfähigkeitsversicherung steigen auch die Komplexität und die Beratungsanforderungen. Aktuell stellt sich die Frage, ob die Corona-Pandemie Folgen für diesen Bereich haben wird. Herr Dr. Schulz, wie bewerten Sie die Lage am Markt der Arbeitskraft - absicherungen? Gibt es mit BU-Ver sicherung, Grundfähigkeitsschutz, Dread Disease und Unfallversicherung ausreichend Schutz aus Kundensicht? Die Frage lässt sich ganz eindeutig mit Jein beantworten. Wenn man noch die Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU) hinzunimmt, dann stehen im Prinzip fünf verschiedene Absicherungsmodelle zur Verfügung. Allerdings ist eine solche pauschale Betrachtung wenig zielführend. Für viele Berufsgruppen ist die BU schlicht zu teuer, die EU ist eher eine Worst- Case-Absicherung; erschwerend hinzu kommen die Gesundheitsfragen, die den Zugang zu einer adäquaten Absicherung für viele Kunden behindern. Vor allem rückt die Grundfähigkeitsversicherung immer mehr ins Rampenlicht. Startet hier gerade, ähnlich wie eine Zeit lang in der BU-Versicherung, eine Art von Bedingungswettbewerb? Ja, unser Analystenteam bei infinma konnte feststellen, dass einerseits die Zahl der Anbieter in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist. Parallel dazu hat auch die Anzahl der versicherten Grundfähigkeiten zugenommen. Zudem könnte durchaus der Eindruck entstehen, dass bei einigen der neu hinzugekommene Leistungsauslöser vor allem die Marketingabteilungen bei den Versicherern am Werk waren. Mittlerweile überschneiden sich die Grundfähig - keiten zum Teil wie beispielsweise „Greifen“ versus „Hände gebrauchen“. Es stellt sich aber auch die Frage nach dem tatsächlichen Mehrwert einiger neuer abgesicherter Grundfähigkeiten. Sicherlich ist der Verlust der Fahrerlaubnis für einen Pkw für die betroffenen Menschen ein schmerzlicher Einschnitt. Allerdings stellt sich die Frage, ob nicht in den meisten Fällen auch eine andere, ohnehin bereits versicherte Grundfähigkeit zu dieser Leistung hätte führen können. Man denke beispielsweise an den Verlust der Sehfähigkeit, die erhebliche Einschränkung motorischer Fähigkeiten, aber auch psychische Erkrankungen, die ja unter Umständen in der Grundfähigkeitsversicherung auch abgedeckt sind. Folglich sind die Tarife ziemlich schwer vergleichbar? Die Produktlandschaft in der Grundfähigkeitsversicherung bzw. die Definition der einzelnen Leistungsauslöser hat in der Tat eine hohe Komplexität erreicht, die den Vergleich der Tarife sehr schwer macht. Alleine für den Gebrauch der Hand konnten wir bei einer Untersuchung im Oktober 2020 mehr als 30 verschiedene Definitionen in den Bedingungen finden. Diese beruhen zum Teil auf sehr unterschiedlichen Annahmen und können ziemlich speziell sein. Eine Schraube einer bestimmten Größe in einen Dübel zu drehen, ist vermutlich für einen Handwerker leichter als für einen Büroangestellten. Demgegenüber ist das Öffnen einer Flasche eine sehr allgemeine Definition, die auf den ersten Blick keine bestimmte Berufsgruppe bevorzugt. Müssen denn die Tarife berufs - spezifischer werden? Für die Grundfähigkeitsversicherung können wir davon nur dringend abraten. Der Vorteil dieser Absicherung ist ja gerade, dass nicht ein bestimmtes Berufsbild versichert ist und damit einer der wesentlichen Kritikpunkte an der BU entfällt. Gerade über das Erreichen des erforderlichen BU-Grades von mindestens 50% gibt es im Leistungsfall häufig unterschiedliche Auffassungen zwischen Versicherer und Versichertem. Wenn nun die Grundfähigkeitstarife berufsspezifischer werden, was immer das in der Praxis auch bedeuten mag, dann stößt man möglicherweise sehr schnell an Grenzen. Insofern kann eine derartige Ausgestaltung allenfalls in bestimmten Fällen sinnvoll sein, beispielsweise beim Verlust der Fahrerlaubnis für Busse und Lkw, der ja aus anderen Gründen als beim Pkw eintreten kann. Erste Ansätze zu Berufskonzepten, 38 AssCompact | Februar 2021

EXISTENZSCHUTZ etwa das Tragen einer Atemmaske bei Feuerwehrleuten, zeigt bereits die Problematik. Die Verknüpfung der Grundfähigkeit – also hier das Tragen der Atemschutzmaske – mit dem konkreten Beruf – hier der des Feuerwehrmanns – schließt andere Berufsgruppen zwangsläufig vom Schutz aus, zum Beispiel wären das Mitarbeiter im Katastrophenschutz oder etwa auch Angestellte in Forschungslaboren. Sie selbst haben Marktstandards herausgearbeitet. Die können wir nicht alle aufzählen, aber was halten Sie für besonders wichtig? Unabhängig davon, welches Absicherungsmodell bewertet wird – wir werden im ersten Quartal dieses Jahres auch erstmals Marktstandards für die Risikoversicherung und die Grundfähigkeitsversicherung veröffentlichen –, sollten diese Branchendurchschnittswerte vor allem auf die Rechtssicherheit aus Kundensicht abzielen. Dazu gehört beispielsweise ein möglichst kurzer Prognosezeitraum, der Verzicht auf Meldefristen bei der Beantragung der Leistungen, aber auch der Verzicht auf Meldepflichten bei Verbesserung des Gesundheitszustandes, Minderung der Berufsunfähigkeit oder Wieder - aufnahme einer beruflichen Tätigkeit. In der BU spielen abhängig von der jeweiligen Zielgruppe sicher auch die Regelungen zur Umorganisation des Arbeitsplatzes eine gewisse Rolle. Was halten Sie denn von der Kombination einer betrieblichen Altersversorgung mit einer Grundfähigkeitsversicherung? Mit Schreiben vom 19.02.2019 hat das Bundesfinanzministerium die Absicherung von Grundfähigkeiten als steuerlich zulässig im Rahmen der betrieblichen Altersversorgung (bAV) erklärt. Die Grundfähigkeitsversicherung in der bAV kann vor allem für Unternehmen interessant sein, die viele Mitarbeiter beschäftigen, die bei der Ausübung ihrer Tätigkeit auf ihre Grundfähigkeiten angewiesen sind. Das gilt naturgemäß in besonderem Maße für die Berufsgruppen, die einen hohen Anteil körperlicher Tätigkeit haben. Gegen - über einer BU dürfte die Möglichkeit, den Mitarbeitern eine preisgüns - tige Absicherung gegen Invalidität anzubieten, größer sein. Möglicherweise sind auch die Zugangsvoraussetzungen – sprich die Gesundheitsprüfungen – einfacher. In der BU-Versicherung wird hie und da auch noch an der Bedingungsschraube gedreht. Uns scheint, es geht neben den Zielgruppen aktuell vor allem um die Nachversicherungsgarantie. Wie wichtig ist das Thema? Grundsätzlich sind Nachversicherungsmöglichkeiten für die Kunden wichtig, denn sie ermöglichen in aller Regel die Erhöhung des Versicherungsschutzes ohne erneute Gesundheitsprüfung. Es kann also quasi der Gesundheitszustand bei Abschluss der Versicherung „eingefroren“ werden. Allerdings sollte bei dem Thema immer berücksichtigt werden, dass die Ausübung der Nachversicherung bei allen Anbietern von teilweise sehr restriktiven Voraussetzungen abhängt. Grundsätzlich darf eine bestimmte Gesamthöhe der BU-Rente nicht überschritten werden, und diese muss in einer angemessenen Relation zum Bruttooder Nettoeinkommen stehen. Auch die einzelne Erhöhung ist meist nach oben beschränkt, zum Beispiel auf 600 Euro oder vielleicht auch mal 1.200 Euro. O © Joel bubble ben – stock.adobe.com „Die Grundfähigkeitsversicherung in der bAV kann vor allem für Unternehmen interessant sein, die viele Mitarbeiter beschäftigen, die bei der Ausübung ihrer Tätigkeit auf ihre Grundfähigkeiten angewiesen sind. Das gilt naturgemäß in besonderem Maße für die Berufsgruppen, die einen hohen Anteil körperlicher Tätigkeit haben.“ Februar 2021 | AssCompact 39

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