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AssCompact 04/2019

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ETFS IN DER BERATUNG

ETFS IN DER BERATUNG „Wir sehen großes Potenzial im Einsatz von ETFs bei Provisionsvermittlern“ Interview mit Markus Weis, Deputy Head of Germany and Austria der Vanguard Group Der kürzlich verstorbene Vanguard-Gründer John Bogle ist der Erfinder der Indexfonds. Seine Firma ist heute weltweit einer der größten ETF-Anbieter. Die US-Gesellschaft sieht im deutschen Markt noch großes Potenzial, von dem nicht nur Endkunden, sondern auch Berater profitieren können. Markus Weis, Deputy Head of Germany and Austria, erklärt, warum. Herr Weis, Vanguard ist weltweit einer der Marktführer bei ETFs. Wie hat sich der ETF-Markt in den vergangenen Jahren global verändert? Weltweit sind erst rund 15% des verwalteten Vermögens in passiven Anlageformen investiert, und das nach mehr als vier Jahrzehnten Wachstum. Das heißt, hier ist noch unheimliches Potenzial vorhanden. Das ist für uns und unsere Mission interessant: Wir wollen für unsere Investoren die Kosten senken. Und in einem Markt mit so viel Potenzial haben Investoren eine reelle Chance auf einen demokratisierten Markt. Denn wenn die Gebühren in der Investmentbranche sinken, haben doch am Ende alle Anleger etwas davon, weil mehr Ertrag für sie übrig bleibt. Hinkt Deutschland bei ETFs im internationalen Vergleich eher hinterher oder sind wir bereits gut dabei? Grundsätzlich begann der ETF-Boom in Deutschland bereits vor zwei Jahrzehnten. Und Deutschland ist ein wichtiger Markt, da das Potenzial enorm ist. Aber bisher liegt relativ wenig Geld der Deutschen im Ka- „Vor allem bei All-in-Fee-Modellen in der Beratung sehen wir großes Potenzial für den Einsatz von ETFs, denn hier können Anlageberater Kosten für ihre Kunden senken.“ pitalmarkt, denken sie an die vielen Aktienmuffel. Hier möchten wir vermehrt aktiv werden, um den Anleger bei einem langfristigen Vermögensaufbau zu unterstützen. Und da ist der ETF das Mittel zum Zweck. Der ETF öffnet den Markt für den Endanleger, und das zu Preisen, die bisher nur institutionellen Anlegern zugänglich waren. Welchen Marktanteil halten sie langfristig für realistisch? Uns geht es bei Vanguard nicht um einen Marktanteil, ob langfristig oder kurzfristig, groß oder klein. Wir zielen auch nicht auf schnelle Expansion ab, denn das ist einfach nicht die Vanguard-Philosophie. Vielmehr wollen wir langfristig Vertrauen und tiefe Beziehungen mit unseren Kunden aufbauen. Unser langfristiges Ziel ist daher vielmehr, das Anlegen in den Kapitalmarkt für alle Marktteilnehmer effizienter zu machen und so den Markt zu demokratisieren. Und hier spielt für uns ein Marktanteil keine Rolle. Haben sich die Marktanteile zwischen Aktien- und Anleihe-ETFs aufgrund der anhaltenden Zinsproblematik und einer drohenden Zinswende verschoben? Die meisten Anleger denken bei ETFs an Aktien, doch die Bedeutung von Anleihe-ETFs wächst. In Europa ist ihr Marktanteil unter den börsengehandelten Produkten von 14% im Jahr 2008 auf 22% gestiegen (Daten von ETFGI per Juni 2018). Am einfachsten lässt sich das Wachstum von Anleihe-ETFs mit der Nachfrage der Anleger erklären. Nach der Finanzkrise sanken die Zinsen dramatisch, Anleger rangen mit den risikomindernden Eigenschaften von Anleihen und der Suche nach höheren Renditen. Wir sind nun seit Jahren bei 0% Zinsen und eine Besserung ist nicht in Sicht. In einer Welt mit geringeren Zinsen stehen die Kosten immer mehr im Vordergrund – hier spielt der Vanguard-Effekt, konstant Kosten zu minimieren, eine wichtige Rolle. Was sagen Sie zu der Kritik, dass ETFs aufgrund ihrer passiven Nachbildung von Indizes Blasen und Crashs verstärken, sprich die Märkte destabilisieren? Ich würde die Kritik anzweifeln. ETFs bilden die Wertentwicklung eines zugrunde liegenden Indexes wie beispielsweise des Dax eins zu eins ab. Natürlich verlieren sie an Wert, wenn die Aktienkurse stark fallen. Was kurzfristig am Aktienmarkt passiert, ist für uns aber ohne Bedeutung, und so ist auch unsere langfristige Philosophie ausgelegt. Diese Kritik kommt hauptsächlich von Fondsgesellschaften, die keine ETFs anbieten, oder von aktiven Fondsmanagern, die 64 April 2019

der Erfolg der ETFs frustriert. Und sowieso: Aktien sind genauso immer handelbar, wo ist da der Unterschied? Wie wichtig ist es, dass ETFs ihren Index physisch und nicht synthetisch nachbilden? Synthetische ETFs sind in vielen Märkten erhältlich, finden jedoch besonders in Europa Anklang, wo sie 2001 eingeführt wurden. Allerdings setzen Anleger zunehmend auf physische ETFs, die mittlerweile häufigste Methode der Replikation, bei der die Fonds tatsächlich in die Wertpapiere investieren, aus denen ihr Basisportfolio besteht. Physische Replikation kommt in sämtlichen Vanguard-ETFs zum Einsatz. Synthetische ETFs setzen ihre Anlagestrategie hingegen über Derivate und insbesondere über Swaps um. Swaps sind eine Art Vertrag zwischen dem ETF und einer Gegenpartei, in der Regel einer Bank. Die Gegenpartei verpflichtet sich dabei, dem ETF die Rendite seines Index auszuzahlen. So können synthetische ETFs einen Index abbilden, ohne ein einziges der im Index enthaltenen Wertpapiere zu kaufen. Kurz gesagt fördern physisch replizierte ETFs die Transparenz: Hier ist eine Produktklarheit voll gegeben, während synthetische ETFs wesentlich mehr Komplexität haben. Sind die niedrigen Gebühren der einzige Vorteil von passiven Investments gegenüber aktiven Fonds? Wer in Fonds mit geringen Gebühren investiert, kann sich zumindest sicher sein, dass die Gebühren den Ertrag nicht zu sehr schmälern. Die Höhe der Gebühren ist am Ende des Tages die einzige Kennziffer, die vor dem Kauf eines Fonds mit Sicherheit feststeht. Darum bieten wir unsere Fonds in Europa im Durchschnitt zu einem Preis von 0,18% an, global sogar zu 0,11%. Wichtiger als der Gegensatz zwischen klassischen Fonds und ETFs ist also nur der Unterschied zwischen teuren und günstigen Fonds. Hier geht es, denke ich, weniger um einen Anlagebereich als um das Kernthema ETF. Es gibt noch zu viele kontroverse Debatten, gerade um die Fragen „Sind zu viele ETFs am Markt?“, „Sind ETFs für Kursschwankungen verantwortlich?“ und „Sind ETFs aufgrund ihrer Struktur schlecht auf Marktturbulenzen vorbereitet?“. Ja, vielleicht sind also tatsächlich zu viele ETFs am Markt, und falls die Geschichte Rückschlüsse auf die weitere Entwicklung zulässt, dann dürften die kleineren Fonds wohl irgendwann schließen. Aber: Das globale Anlagevermögen beläuft sich auf rund 280 Bio. Dollar, davon entfallen 5 Bio. Dollar auf ETFs. Bei diesem Kräfteverhältnis müssten ETFs schon sehr besondere Kräfte haben, um Kurse ins Schwanken zu bringen. So muss ein klares Verständnis im Markt entstehen, dass ETFs die aktuellen Marktbedingungen nicht vorgeben, sondern sie widergeben. Wer das missversteht, bringt kosteneffiziente Anlagelösungen für Millionen von Anlegern in Gefahr. Welches Potenzial haben ETFs bei klassischen Provisionsvermittlern? Hier sehen wir großes Potenzial. Vor allem bei „All-in-Fee- Modellen in der Beratung, denn hier können Anlageberater Kosten für ihre Kunden senken. In unserer Studie „Advisor’s Alpha“ haben wir einmal kalkuliert, welchen konkreten Nutzen ein guter Finanzberater für den Kunden hat. Wir kamen auf Markus Weis „Weltweit sind erst 15% des verwalteten Vermögens in passiven Anlageformen investiert, und das nach mehr als vier Jahrzehnten Wachstum. Das heißt, dass hier noch unheimliches Potenzial vorhanden ist .“ eine Mehrrendite von rund 3% pro Jahr. Diese 3% setzen sich zusammen aus rund 0,5% Ersparnis durch eine kosteneffiziente Umsetzung der Geldanlage mit ETFs, 0,35% durch regelmäßiges Rebalancing der Allokation sowie 1,5% durch die mentale Unterstützung des Anlegers, um typische Anlagefehler zu vermeiden. W In welchen Anlagebereichen sehen Sie für ETFs noch besonders großes Aufholpotenzial? April 2019 65

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