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AssCompact 07/2018

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INVESTMENT „Transparenz ist das A und O bei der Altersvorsorge“ Interview mit Alexander Leisten, Leiter des Deutschland-Geschäfts von Fidelity International Jeder fünfte Deutsche versteht bei der Renteninformation nur Bahnhof. Alexander Leisten hält diese Zahl für erschreckend. Jeder Arbeitnehmer müsse sofort erkennen können, wo er steht und warum es für ihn persönlich notwendig ist vorzusorgen. Auch insgesamt fordert der Fidelity-Experte ein Umdenken bei der privaten Altersvorsorge. Herr Leisten, Fidelity hat eine Umfrage zur Transparenz in der Altersvorsorge vorgenommen. Wie erschreckend sind die Umfrageergebnisse? Die Umfrage zeigt, dass jeder Fünfte die Renteninformation nicht versteht. Eine solch hohe Zahl halte ich tatsächlich für erschreckend. Das heißt nichts anderes, als dass viele Menschen die Höhe ihrer späteren Rente schlicht nicht einschätzen können. In jungen Jahren mag das noch verständlich sein. Gerade bei Berufseintritt denken sich viele: „Rente? Das ist doch noch ewig hin“ – und heften die Information im besten Fall zu den Unterlagen. Je länger man im Berufsleben steht, desto eher sollte man sich mit den Zahlen befassen – nur wer rechtzeitig anfängt, kann die Rentenlücke erfassen und schließen bzw. reduzieren. Warum ist Transparenz bei der Altersvorsorge so wichtig? Transparenz ist das A und O. Die Renteninformation muss für jedermann eingängig und verständlich aufbereitet sein. Jeder Arbeitnehmer muss sofort erkennen können, wo er steht, warum es für ihn persönlich notwendig ist, betrieblich und privat vorzusorgen, „Nur mit einer verständlicheren Sprache für die jährliche gesetzliche Renteninformation ist es nicht getan. Eine säulenübergreifende Renteninformation wäre ein sinnvoller Schritt.“ und welche Maßnahmen er ergreifen kann. Die Zeit drängt, der Bedarf ist da: Einem Facharbeiter, der heute 42 Jahre alt ist, fehlen im Alter zum Beispiel jeden Monat 840 Euro netto, wenn er mit 67 Jahren in Rente geht und sich nur auf die gesetzliche Rente verlässt. Das hat eine Studie der Ruhr-Universität Bochum errechnet. Wie ließe sich mehr Transparenz bei der Altersvorsorge in Deutschland herstellen? Nur mit einer verständlicheren Sprache für die jährliche gesetzliche Renteninformation ist es nicht getan. Eine säulenübergreifende Renteninformation wäre ein sinnvoller Schritt. Das fordert auch die Bundesregierung im Koalitionsvertrag. In einem solchen System würden die individuellen Altersvorsorgeeinkünfte aus allen drei Säulen – gesetzlich, betrieblich, privat – komplett abgebildet. Hier können wir von Schweden lernen. Bereits seit 2004 existiert dort ein Online-Rentenkonto, in dem alle Bürger ihre Rentenansprüche aus den drei Säulen einsehen können. Was müsste sich bei der Altersvorsorge der Deutschen noch ändern? Wir müssen die Aktienkultur in Deutschland grundsätzlich stärken. Andere Länder zeigen, dass Bürger vor allem mit steuerlichen und finanziellen Anreizen motiviert werden, eigenverantwortlich vorzusorgen. Zum Beispiel in den USA: Hier existieren bereits seit Anfang der 80er-Jahre sogenannte „401(k)-Konten“. In diese Altersvorsorgekonten können Arbeitnehmer bis zu einem Betrag von 18.500 Dollar pro Jahr steuerfrei in Investmentfonds, Belegschaftsaktien oder Versicherungsprodukte investieren. Ähnliches gibt es in Großbritannien für die private Vorsorge: Ab 1999 wurden Individual Savings Accounts, kurz ISAs, als steuerprivilegierte Vorsorgekonten eingeführt. Mit Erfolg: Aktuell haben die Briten dort mehr als 60 Mrd. Pfund investiert. Auch Italien hat Anfang 2017 steuerfreie Fondssparpläne eingeführt mit dem erklärten Ziel, die Aktienkultur im Land zu stärken. Die Gelder müssen zu 70% in Titel von italienischen Unternehmen angelegt werden. Nach einem Jahr sind bereits 12 Mrd. Euro in diesen Produkten investiert. Ein höherer Aktienanteil wird ja oft von Anlageexperten gefordert. Sind die Märkte aktuell aber nicht zu weit gelaufen? Es geht nicht um eine Momentaufnahme, sondern um einen langfristigen Anlagehorizont. Nur mit Aktien lassen sich auf 66 Juli 2018

lange Sicht die notwendigen Erträge erzielen. Leistungsstark und generationengerecht wird unsere Altersvorsorge nur dann, wenn sich Arbeitnehmer am Produktivkapital beteiligen – über Aktien oder Fonds. Aktien sind für die langfristige Kapitalanlage geeignet. Kurzfristige Schwankungen sind ein ganz normaler Bestandteil der Märkte. Natürlich verunsichert das – gerade Anleger, die noch keine oder wenig Erfahrung am Aktienmarkt gemacht haben. Deshalb müssen wir hier aufklären. Bei langen Laufzeiten tendiert das Verlustrisiko bei Aktien gegen null. Das Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts zeigt darüber hinaus, dass Aktienbesitzer bei einer Haltedauer von 15 Jahren immer im grünen Bereich sind. Inwieweit hat das zum 01.01.2018 in Kraft getretene Betriebsrentenstärkungsgesetz die private Altersvorsorge forciert? Das Betriebsrentenstärkungsgesetz ist natürlich vor allem eine Revolution für die zweite Säule, also die betriebliche Altersvorsorge (bAV) – nicht für die private Vorsorge. Mit dem Verzicht auf Garantien und Mindestleistungen für Betriebsrenten ist ein Tabu gefallen. Das war dringend nötig. Die Fixierung auf Garantien, die in Deutschland einen hohen Stellenwert genießen, kostet Rendite. Das Sozialpartnermodell eröffnet die Chance, Arbeitnehmern bessere betriebliche Vorsorgeprodukte anzubieten. Das Kapital kann nun viel rentabler arbeiten und stärker als bisher in lukrative Unternehmensbeteiligungen am Kapitalmarkt investiert werden. Wenn Arbeitnehmer langfristig von einem höheren Aktienanteil in der bAV überzeugt sind – sprich höhere Renditen als in Garantiemodellen erzielt werden –, übertragen sie die positiven Erfahrungen möglicherweise auf die private Altersvorsorge. Anlageprodukte, die Vermögensaufbau gezielt mit der Risikokontrolle kombinieren, sind Lebenszyklusfonds. Die Zusammensetzung des Portfolios richtet sich nach dem Alter des Anlegers. Je jünger der Anleger ist und je weiter der Renteneintritt noch in der Zukunft liegt, desto stärker investiert der Fonds in renditestarke Anlageklassen wie zum Beispiel Aktien. Ab etwa 20 Jahre vor dem Renteneintritt wird das Kapital langsam in schwankungsärmere Anlagen wie Anleihen und Geldmarktprodukte umgeschichtet. Alexander Leisten Hier findet sozusagen Kapitalaufbau mit „doppeltem Boden“ statt. Aber auch andere Multi-Asset-Produkte eignen sich für konservative Anleger, etwa Fonds mit festen Risikoklassen, bei denen die Kontrolle der Marktschwankungen im Vordergrund steht. Sind variable Gebühren für Investmentsfonds auch ein sinnvoller Schritt zu einer aktiveren Kapitalanlage der Deutschen? Bisher sind Gebühren aus meiner Erfahrung für viele Privatanleger noch ein Nischenthema. Dennoch haben wir bei ausgewählten Aktienfonds ein neues variables Gebührenmodell eingeführt, denn wir sind überzeugt, dass solchen Modellen die Zukunft gehört. Eine unterdurchschnittliche Fondsperformance bedeutet „Mit dem Verzicht auf Garantien und Mindestleistungen für Betriebsrenten ist ein Tabu gefallen. Das war dringend nötig. Die Fixierung auf Garantien [...] kostet Rendite.“ dabei Einnahmeeinbußen für uns. Damit kommen wir unseren Kunden entgegen: Wir nehmen uns selbst in die Verantwortung und mildern negative Renditeschwankungen ab, die auch beim besten aktiven Fondsmanager von Zeit zu Zeit auftreten können. Vielleicht tragen diese Modelle langfristig dazu bei, dass sich Privatanleger stärker mit den Gebühren von Anlageprodukten auseinandersetzen und mehr in Aktien und Fonds investieren – zu wünschen ist es. W Welche Anlageprodukte sind für die Altersvorsorge der relativ konservativen deutschen Anleger besonders geeignet? Wir Deutsche wollen bei der Geldanlage immer 100% Sicherheit – deshalb kommt die Revolution in kleinen Schritten. Die Abkehr von Garantien und die Aussicht auf eine chancenreichere Aktienanlage ist ein Kulturwandel. Ein Beispiel für Juli 2018 67

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