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AssCompact 08/2020

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INVESTMENT © m.mphoto – stock.adobe.com Finanzmärkte vs. Realwirtschaft: Die große Abkopplung Die Börsenkurse sind trotz der Corona-Krise stark gestiegen. Hat sich die Börse also von der Realwirtschaft abgekoppelt? Während die vollständige Erholung der Wirtschaft noch auf sich warten lassen wird, gibt es für Anleger weiter aussichtsreiche Investitionschancen. Wichtig ist jedoch, die neuen Rahmenbedingungen richtig einzuordnen. Rund um den Globus schlittern viele Volkswirtschaften in die Rezession. So erwartet die OECD für 2020 einen Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um 6%. Abgesehen von der Zeit während der Weltkriege hat es in den vergangenen 100 Jahren keinen vergleichbaren Konjunktur - einbruch gegeben. Auch an den Börsen ging es infolge von Corona zunächst steil bergab. Seit Mitte März haben sich die Kursindizes jedoch für viele unerwartet schnell erholt. Die Börsen sind also bereits wieder in Feierlaune, während viele Unter - nehmen und Verbraucher sorgenvoll in die Zukunft blicken. Börsen reagieren schnell und häufig pointiert Dass Realwirtschaft und Kapitalmärkte auseinanderlaufen, hat mehrere Gründe. So werden an den Börsen quasi im Sekundentakt die Erwartungen an die Zukunft gehandelt, während der Fokus bei den Konjunkturdaten auf der Vergangenheit liegt. Aber auch als Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung liegen die Börsen oft daneben. So scherzte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson, dass Einbrüche an den US-Börsen neun der letzten fünf Rezessionen korrekt vorhergesagt hätten. Dies gilt vor allem für die aktuelle Krise, die sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite und fast alle Volkswirtschaften weltweit betrifft. Hilfspakete befeuern die Börsen Ein weiterer Grund für die Entkopplung sind die immer umfangreicheren Maßnahmen der Zentralbanken und der Politik. Bereits nach der Finanzkrise haben die wichtigen Zentralbanken die Wirtschaft mit unkonventionellen Maßnahmen gestützt. Wenn jetzt die Regierungen ergänzend Fiskalmaßnahmen in beispiellosem Volumen auf den Weg bringen, bestärkt dies Anleger darin, ihr Augenmerk stärker auf die Hilfspakete als auf Wirtschaftsdaten zu richten. Auch wenn die Maßnahmen letztlich die Realwirtschaft stützen sollen, spiegelt das Geschehen an den Börsen diesen „Erstrundeneffekt“ deutlich wider. Kollateralschäden durch Nullund Negativzinsen Bisher profitieren aber vor allem die Kapitalmärkte von den Maßnahmen und weniger die Realwirtschaft. Es ist schlicht zu viel Geld in Relation zu profitablen Investitionsmöglichkeiten im Umlauf. Ein weiterer Grund ist, dass die Geschäftsmodelle der Banken, die als verlängerter Arm der Zentralbanken das billige Geld in die Wirtschaft pumpen sollen, selbst in Bedrängnis geraten sind. Gleichzeitig ist die aktuelle Lage für alle Marktteilnehmer so neu, dass die Risikobewertung und die Entscheidungsfindung noch schwieriger geworden sind. Null- und Negativzinsen sorgen zudem dafür, dass Zinsen ihre Lenkungsfunktion beim Investieren und als Gradmesser für Risiken nicht mehr erfüllen können. Wenn sich die Geldmenge weiter aufstaut, wächst die Gefahr einer Blasenbildung an 56 August 2020

den Finanzmärkten, unter anderem bei Aktien, Immobilien, Gold und beim Bitcoin. Auf Dauer kann der Schaden für die Realwirtschaft durch die Geldschwemme sogar höher sein als der Nutzen. Infolge der staatlichen Rettungsprogramme wird nämlich auch der direkte Einfluss der Politik auf Unternehmen größer. Interventionismus, mehr Regulierung und höhere Steuern können zu bleibenden Aspekten im Wirtschaftsleben werden und den Unternehmenssektor belasten. Krise bringt auch Gewinner hervor Insgesamt bleibt der Einfluss der Politik und der Notenbanken auf das reale Wirtschaftsleben jedoch begrenzt. Die Maßnahmen werden auf lange Sicht nicht alle Unternehmen retten können. Liquidität allein kann keine fehlenden Cashflows ersetzen. Umgekehrt verzeichnen einige Unternehmen schon jetzt ein deutliches Umsatzwachstum, etwa durch die steigende Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen oder im Gesundheitssektor. Die folgenden fünf Punkte fassen zusammen, auf welche Aspekte Anleger achten sollten. Fünfpunkteplan für Anleger 1. Mehr Chancen für aktive Manager Seit Mitte März haben sich die Börsen auf breiter Front kräftig erholt. Mittelfristig wird sich bemerkbar machen, dass der Kursanstieg zum Teil genauso undifferenziert war wie der Abverkauf. Für Anleger ist es sinnvoll, sich mittelbis längerfristig zu orientieren. Sie sollten weniger auf das kurzfristige Geschehen an den Märkten schauen, sondern versuchen, einzelne Titel im Detail zu verstehen und die Gewinner von morgen zu identifizieren. Auch die Tatsache, dass sich die Zusammensetzung der Indizes geändert hat oder noch ändern wird, bietet Chancen für aktive Manager, die durch eine vorausschauende und differenzierte Anlagestrategie die Spreu vom Weizen trennen können. 2. Stabilität bei den Branchen Eher untypisch ist, dass sich in der liquiditätsgetriebenen Rallye der Corona- Krise vor allem die Marktsegmente behauptet haben, die bereits vor der Krise zu den Favoriten gehörten. Dazu zählen beispielsweise Unternehmen der Digitalindustrie und Technologiegiganten. Insofern unterscheidet sich die aktuelle von früheren Krisen, bei denen es meist zu einem Bruch bei den Gewinnersektoren kam. Dennoch lassen sich bei genauerer Betrachtung auch bei den vernachlässigten Sektoren interessante längerfristige Anlagemöglichkeiten finden. 3. Wachstumstitel langfristig weiterhin vorn Trotz der wahrscheinlich noch für einige Zeit anhaltenden Tendenz für Zykliker und „Value“, die auf Bewertungsbasis noch einiges an Nachholpotenzial haben, raten wir für längerfristige Engagements weiterhin zu Wachstumsbranchen wie Technologie, Kommunikation und Gesundheitswesen. Auch hier gilt natürlich der Grundsatz eines differenzierten Ansatzes unter Berücksichtigung der jeweiligen Bewertungsparameter. 4. Qualität gewinnt an Bedeutung Unabhängig von der Branche versprechen finanz- und bilanzstarke Werte ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis. Die Bewältigung von Krisen fällt solchen Unternehmen natur - gemäß leichter. Eine detaillierte Finanzanalyse kann Licht ins Dunkel bringen. 5. Asien bleibt weiterhin vielversprechend Asiens Börsen sollten sowohl kurz- als auch mittelfristig besser aus der Krise kommen. Asien schöpft einerseits daraus Vorteile, dass man in dieser Region bereits deutlich mehr Erfahrung bei der Bewältigung von Pandemien hat. So konnten China, Korea und Singapur das Virus relativ schnell unter Kontrolle bringen und haben jetzt Wettbewerbsvorteile bei der Wiederbelebung der Wirtschaft. Das potenziell höhere Wirtschaftswachstum, stabile politische Verhältnisse, hervorragende technologische Voraussetzungen sowie die vorteilhaften demografischen Bedingungen einer aufstrebenden Mittelschicht und geringerer Verschuldung in vielen asiatischen Ländern sorgen auch abseits der Corona-Krise dafür, dass die Region künftig eine führende Rolle in der Weltwirtschaft einnehmen kann. Zudem geben die globalen Indizes schon länger nicht mehr die Potenziale der wirtschaftlichen Entwicklungen wieder, da die USA hier deutlich über- und China zum Beispiel deutlich unterrepräsentiert ist. W Von Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege bei Fidelity International August 2020 57

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