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AssCompact 09/2018

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INVESTMENT © Gorodenkoff – Fotolia.com Die Rückkehr des Informationsvorteils Big Data ist das Zauberwort, das immer mehr Anleger an die Vorteilhaftigkeit großer Datenmengen glauben lässt. Doch die Gefahr ist groß, in der Vielzahl an Informationen die wesentlichen zu übersehen. Demgegenüber ermöglicht eine längerfristige Betrachtungsweise verbunden mit Intuition die Möglichkeit, Ineffizienzen zu entdecken – und zu nutzen. Zu den schwierigsten und zugleich wichtigsten Dingen für Anleger gehört die Feststellung, was in den Märkten und der Gesamtwirtschaft strukturell und was zyklisch ist. Anschaulich zeigt sich dies beispielsweise am Zusammenbruch des Subprime-Hypothekenmarktes, der umso heftiger ausfiel, weil die Marktteilnehmer der festen Überzeugung waren, die Hauspreise in den USA könnten für immer steigen. Zugleich mahnt die Geschichte, solche Überzeugungen immer wieder infrage zu stellen. Ein aktuelles Beispiel ist die Annahme, Regulierung und Technologie hätten den Informationsvorsprung zunichtegemacht, in dem Anleger einst eine verlässliche Renditequelle sahen. Informationen sind heute allgegenwärtig, so die weitverbreitete Meinung, da Unternehmen verpflichtet sind, sie dem Markt zu fairen Bedingungen zur Verfügung zu stellen. Zudem hat die digitale Revolution die Verbreitung von Informationen derart erleichtert, dass jeder zur gleichen Zeit über sie verfügen kann. Ich bin jedoch anderer Meinung! Inzwischen kristallisiert sich ein neuer Informationsvorteil heraus, der sich grundlegend von dem der Vergangenheit unterscheidet. Anders als viele glauben, hat die Analyse von Informationen über ein Unternehmen oder eine Branche durchaus ihren Wert. „Nicht das, was wir nicht wissen, bringt uns zu Fall, sondern das, was wir fälschlicherweise zu wissen glauben.“ Mark Twain Neue Technologien und die Regulierung bringen neue Ineffizienzen mit sich, von denen ich die folgenden drei näher beleuchten möchte: die übermäßige Begeisterung für Big Data, die Folgen zunehmender Offenlegung sowie die der Bequemlichkeit von Marktakteuren. Beginnen wir mit der ersten: Heute stehen Anlegern umfangreiche und leicht zugängliche neue Datenquellen sowie immer schnellere Computer für deren Verarbeitung zur Verfügung. Mit ihnen können sie Trends aufspüren, Aktivitätsniveaus erkennen, aufkommende Kursentwicklungen identifizieren und das Feedback der Verbraucher zu neuen Produkten verstehen. All dies dient dem Ziel, sich einen Vorsprung gegenüber anderen Marktspielern zu verschaffen. Aber ist diese Strategie auch eine wirklich reproduzierbare Renditequelle? Big Data bedeutet sehr viel mehr Daten und birgt damit die Gefahr, die Aufregung um eine Sache mit wertvollen Erkenntnissen zu verwechseln. Dazu ein Beispiel aus der Politik: Trotz mehr Wahlumfragen als je zuvor gab es in den letzten Jahren mehr unerwartete Wahlergebnisse, wohingegen die Fülle an Daten zu weitaus besseren Vorhersagen hätte führen müssen. Big Data – Eine große Enttäuschung? Ein Teil des Problems könnte in der Präsentation der Daten liegen: Allein aufgrund ihrer Verpackung halten wir sie häufig für glaubwürdiger, als sie tatsächlich sind. Big Data und die zu ihrer 70 September 2018

Interpretation benötigte künstliche Intelligenz sind in aller Munde und kommen unserem Drang nach empirischen Beweisen entgegen. Aber nicht immer treffen ihre Analysen zu. Mitunter verzichten Anleger darauf, falsche oder irreführende Auslegungen infrage zu stellen und vertrauen vermeintlich harten Daten mehr als ihrer Intuition. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Daten eine kurze Lebensdauer haben, da sie schnelle Rückkopplungskanäle mit kurzem Verfallsdatum nutzen wie etwa soziale Medien, räumliche Darstellungen, Newsfeeds und Transaktionsdaten. Zu guter Letzt ist festzustellen: Je höher die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer für Big Data, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die damit verbundenen Erkenntnisse bereits eingepreist sind. Big Data könnte sich daher als große Enttäuschung entpuppen. Kommen wir zur zweiten Ineffizienz, der Offenlegung: Konsumenten und Regulierungsbehörden drängen auf immer mehr Informationen in der Annahme, damit verbesserte Entscheidungen treffen und Risiken besser verstehen zu können. Aber die schiere Menge an Informationen, mit denen Anleger heute überflutet werden, hat mitunter den gegenteiligen Effekt. Wichtiges kann untergehen zwischen all dem, was möglicherweise nur unter bestimmten Umständen wichtig sein könnte. Zwischenberichte, Jahresberichte, Geschäftsbedingungen und Sicherheitsvorschriften haben ein Volumen erreicht, das jeder Beschreibung spottet. Dennoch scheinen Zweifel am Nutzen von mehr Informationen angebracht. Und dann wäre da noch die Bequemlichkeit vieler Marktteilnehmer. Zu den nützlichsten Methoden der Informationsübermittlung auf dem Finanzmarkt gehörte einst das Zusammenfassen von Investoreneinschätzungen zu künftigen Marktentwicklungen – ausgedrückt im Wertpapierkurs. Je tiefer und liquider der Markt, desto besser der Mechanismus dieser Signale. Dabei geben erfahrene Anleger ihr Wissen über die „Weisheit der vielen“ weiter – also über den intelligenten, effizienten Markt, der sich bewegt, lange bevor behäbige Analysten die Informationen haben, die sie brauchen, um herauszufinden, warum. Das Faszinierende daran: Je mehr Anleger, Regulierer und Zentralbanker die Idee von der Weisheit des Marktes widerspruchslos akzeptieren, desto weniger widmen sie sich der Analyse der Beziehung zwischen Fakten und Preisen. Mit anderen Worten wird oft erwartet, dass die Fakten zum Preis passen und nicht umgekehrt. Allzu oft werden Bewertungen ignoriert und die Merkmale einer Aktie als wichtiger angesehen als das Unternehmen, an dem sie einen Anteil verbrieft. Einfach ausgedrückt, je mehr der Kurs und seine jüngsten Bewegungen in den Vordergrund rücken, desto unwichtiger werden die Fundamentaldaten des Unternehmens, seine Branche und Aussichten. Informationsvorteil kann Ineffizienzen aufdecken Jedoch: In einer Zeit, in der sich Anleger immer stärker kurzfristig orientieren, ist es von Vorteil, Dinge langfristig anzugehen. Humankapital verbunden mit den heutigen technischen Möglichkeiten birgt hohes Wertpotenzial. Aus der Bekleidungsindustrie liefert die schnelle Mode dazu ein gutes Beispiel: Günstige, trendige Outfits, verkauft in Billigläden, waren vor Jahren ein boomendes Geschäft. Aber inzwischen ist dessen Glanz verblasst. Gefragt sind heute wieder Handwerk, Regionalität und Qualität, für die soziale Medien neue, breiter adressierbare Märkte erschließen und innovative Technologien für ein neuartiges Kundenerlebnis sorgen. Deshalb denke ich, dass der neue – und möglicherweise wertvollste – Vorteil für Anleger darin liegen könnte, Informationen über die langfristigen Aussichten eines Unternehmens, seiner starken internen Unternehmenskultur, seiner Branche sowie seiner Kapitalallokation zusammenzutragen. Denn Letztere bestimmt die Rendite der nächsten Jahre, statt der nächsten Wochen und Monate. Wem das zu mühsam, umständlich und eventuell auch zu altmodisch erscheint, der mag sich mit Folgendem trösten: Die meisten Marktteilnehmer sind heute so sehr von den sie immer schneller umschwirrenden Daten fasziniert, dass sie allzu leicht übersehen, wie und wo um sie herum neue Ineffizienzen Gestalt annehmen. W Von Paras Anand, CIO Equities Europa bei Fidelity International September 2018 71

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